
Seit Herbst 2020 widmet sich die Universitätsbibliothek Frankfurt einer bedeutsamen Aufgabe: der Untersuchung von Büchern, die während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen wurden. In diesem Rahmen wurde das erste Projekt zur Provenienzforschung erfolgreich abgeschlossen, und ein Forschungsbericht erstellt. Ziel dieser Studie war es, Bücher zu identifizieren, die im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Verfolgung ihren ursprünglichen Besitzern entzogen wurden. Dieses ehrgeizige Projekt wurde durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste unterstützt und gilt als Auftakt einer langfristigen Provenienzforschung.
Die Washingtoner Erklärung von 1998 bildet dabei die moralische und ethische Grundlage für die Rückgabe oder Entschädigung von Raubkunst. Professor Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität, betont die Verantwortung der Institution, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Auch die Stadt Frankfurt hat eine besondere Rolle, da sie Eigentümerin vieler Bücher der früheren Stadt- und Universitätsbibliothek ist. Laut Schätzungen gehören ein Drittel der vor 1945 veröffentlichten Bücher auch heute noch der Stadt.
Ergebnisse der Provenienzforschung
Kulturdezernentin Dr. Ina Hartwig äußert, dass die Menge der geraubten Bücher bestürzend ist und eine systematische Erforschung lange überfällig war. Im Rahmen des Projekts wurden über 75.000 Bücher untersucht, wobei 7.500 Exemplare identifiziert wurden, bei denen ein unrechtmäßiger Entzug wahrscheinlich ist. Bisher konnten 35 Fälle mit insgesamt 90 Bänden restituiert werden, darunter Rückgaben und Rückkäufe. Ein herausragender Fall betrifft die Bücher aus dem Antiquariat Baer, das 1934 liquidiert wurde, wo über 5.000 Bände als NS-Raubgut identifiziert werden konnten.
Das Projekt markiert nicht nur einen wichtigen Schritt in Richtung Aufarbeitung, sondern es wird auch als Auftakt für ein Nachfolgeprojekt angesehen, das in den kommenden zwei Jahren fortgeführt wird. Der Fokus liegt auf alten, seltenen und wertvollen Drucken. Die Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg zählt zu den bedeutendsten wissenschaftlichen Bibliotheken Deutschlands und spielt eine zentrale Rolle in dieser Forschungsarbeit.
Provenienzforschung und ihre Relevanz
Die Rahmenbedingungen in Deutschland für die Erforschung und Rückgabe von NS-Raubgut haben sich in den letzten 25 Jahren erheblich verbessert, seit die Washingtoner Prinzipien und die dazugehörige Gemeinsame Erklärung veröffentlicht wurden. Die Zahl der Museen, Bibliotheken, Archive und öffentlichen Einrichtungen, die systematische Provenienzforschung betreiben, ist gestiegen. So stellte der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien von 2008 bis 2022 etwa 88 Millionen Euro für diese Forschungsrichtung zur Verfügung, und für 2023 sind rund 13 Millionen Euro eingeplant.
Die Provenienzforschung hat zum Ziel, die Herkunft von Kunstwerken und Kulturgütern zu klären, sowie die Umstände des Eigentums- und Besitzwechsels zu dokumentieren. In Deutschland wurden bisher über 30.000 Kunstwerke, Bücher und Archivalien als NS-Raubgut identifiziert und restituiert, auch wenn die tatsächliche Zahl der Restitutionen oft schwer festzustellen ist. Viele Rückgaben werden nicht öffentlich bekannt gegeben. Das 2016 in Kraft getretene Kulturgutschutzgesetz unterstützt die Umsetzung der Washingtoner Prinzipien und führt zu erhöhten Sorgfaltspflichten im Umgang mit potenziell NS-verfolgungsbedingt entzogenen Werken.
An Universitäten wie Bonn, München, Berlin, Würzburg und Lüneburg wurden spezialisierte Professuren etabliert, um diese wichtige Forschungsarbeit in Wissenschaft und Lehre zu verankern. Zudem werden Weiterbildungsprogramme für Fachkräfte in Museen, Sammlungen und im Kunsthandel angeboten, um das Bewusstsein und die Expertise in der Provenienzforschung zu fördern.
Die Bundesregierung und die Länder arbeiten außerdem daran, die Rückgabe identifizierter Kulturgüter an die früheren Eigentümer oder deren Erben zu unterstützen. Dies geschieht nach individueller Prüfung und unter Berücksichtigung von bereits erfolgten Entschädigungen. Es ist ein fortwährender Prozess, der eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Verlusten der NS-Zeit erfordert und weiterhin notwendig ist.
Insgesamt verdeutlicht das Projekt der Universitätsbibliothek Frankfurt, wie bedeutend und dringlich die Aufarbeitung des NS-Raubguts im deutschen Kulturerbe ist. Die Entwicklung und Ergebnisse der Provenienzforschung sind nicht nur von regionalem, sondern auch von nationalem und internationalem Belang für die Gerechtigkeit und die Erinnerungskultur.