Die Landwirtschaft in Europa steht unter Druck, und die Proteste von Landwirten haben in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Besonders eindrucksvoll war die Mobilisierung Anfang 2024, als Landwirtinnen und Landwirte mit Traktoren, Bannern und Blockaden auf die prekäre Lage in der Agrarbranche aufmerksam machten. In einem umfassenden Ansatz analysierte ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen die Motive hinter den Protesten in Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

Die durchgeführte Online-Befragung umfasste 2.232 landwirtschaftliche Betriebe und offenbarte vielfältige Gründe für die Unzufriedenheit. Während in Deutschland häufig die übermäßige Bürokratie kritisiert wurde, standen in Frankreich vor allem die finanziellen Belastungen im Vordergrund. In Belgien äußerten Landwirte ein bunt gemischtes Klagefeld aus verschiedenen Beschwerden, während die niederländischen Betriebe vor allem mit ihrem politisch bedingten Unmut zu kämpfen hatten. Überraschend war, dass die Antworten manuell ausgewertet und mit Hilfe moderner KI-gestützter Textanalysen kategorisiert wurden, um die zentralen Motive der Proteste zu erfassen.

Politische Reaktionen und Missstände

Die politischen Reaktionen auf die Anliegen der Landwirtinnen und Landwirte waren jedoch oft unausgewogen. Während Regierungen versuchten, den zentralen Kritikpunkten wie Bürokratie und finanziellen Belastungen durch politische Maßnahmen zu begegnen, erhielten Umwelt- und Klimathemen überproportional viel Aufmerksamkeit. Die Studie betont, dass die politischen Antworten gezielt an den tatsächlichen Sorgen der Landwirte ansetzen sollten, um bestehende Spannungen abzubauen und das Vertrauen in die Institutionen zu steigern.

Die Proteste waren nicht nur ein nationaler Ausdruck der Unzufriedenheit. So endeten sie in den ersten beiden Wochen des Jahres 2024 in einer Aktionswoche, die am 15. Januar 2024 in Berlin gipfelte. Zahlreiche Landwirte und ihre Unterstützer gingen hierbei auf die Straße, um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen, nachdem im Dezember 2023 Einsparungen im Agrarsektor von der Bundesregierung beschlossen worden waren. Dies führte zu einem Anstieg der Proteste in ganz Deutschland, die alle Landwirte, ob bio, konventionell, Großbetriebe oder Familienhöfe, einbezogen.

Ergebnisse und Ausblick

Die Proteste führten schließlich zu einer Rücknahme einiger umstrittener politischer Maßnahmen, wie der Streichung der Kfz-Steuerbefreiung für landwirtschaftliche Maschinen. Im September 2024 verabschiedete die Ampelregierung ein „Agrarpaket“, das Gewinnglättung, weniger Bürokratie und mehr Planungssicherheit verspricht. Dennoch waren viele Landwirte enttäuscht über die langsame Umsetzung dieser Maßnahmen, was die Möglichkeit weiterer Protestaktionen offen lässt.

Zusammenfassend zeigt die einführende Studie der Universität Göttingen, dass die Ursachen für die Landwirte-Proteste vielschichtig sind. Die Analyse der Protestmotive in Kombination mit den politischen Reaktionen lässt darauf schließen, dass gezielte Maßnahmen erforderlich sind, um die gravierenden Probleme in der Landwirtschaft anzugehen und den Landwirten ein langfristig tragfähiges wirtschaftliches Umfeld zu bieten.