Ein internationales Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat kürzlich den längsten Sedimentkern aus der Westantarktis erbohrt. Mit einer beeindruckenden Länge von 228 Metern wurde der Bohrkern am Crary Ice Rise, im Übergangsbereich zwischen dem Ross-Schelfeis und dem westantarktischen Eisschild, gewonnen. Diese Bohrung, die 700 Kilometer von der nächsten Forschungsstation entfernt stattfand, ist Teil des Projekts SWAIS2C (Sensitivity of the West Antarctic Ice Sheet to 2°C of Warming), das mehrere deutsche Institute, darunter die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, umfasst. uni-kiel.de berichtet, dass die gewonnenen Proben wertvolle Erkenntnisse über das Abschmelzen des westantarktischen Eisschildes bis vor etwa 23 Millionen Jahren liefern sollen.
Die Bedeutung der Bohrung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der westantarktische Eisschild enthält genügend Wasser, um den globalen Meeresspiegel um bis zu fünf Meter anzuheben. Mit Satellitenbeobachtungen, die zeigen, dass dieser Eisschild schneller an Masse verliert, wirft die Situation dringend Fragen auf. Experten sind sich uneinig darüber, bei welchem globalen Temperaturanstieg ein unaufhaltsames Abschmelzen des Schelfeises ausgelöst wird, was zusätzliche Spannungen in den globalen Klimaszenarien bedeutet.
Logistische Herausforderungen und technische Finesse
Für das Forscherteam stellte die Bohrmission eine enorme logistische und technische Herausforderung dar. Fast zehn Wochen lebten sie in Zelten auf dem Eis. Um die benötigte Bohrtechnik zum Standort zu bringen, mussten die Ausrüstung und das Bohrsystem über 1.100 Kilometer des inhospitabilem Ross-Schelfeis transportiert werden. Um an das Sediment zu gelangen, wurde ein Loch durch 523 Meter dickes Eis geschmolzen, wobei heißes Wasser verwendet wurde. Diese komplexe Vorgehensweise erforderte rund um die Uhr Arbeit, wobei der Bohrkern kontinuierlich aus dem Loch gezogen wurde, um wertvolle Zeit zu sparen und die Arbeitseffizienz zu steigern.
Vorläufige Datierungen der Sedimente basieren auf Fossilien von Meeresorganismen, die in den Proben gefunden wurden. Erste Analysen zeigen vielversprechende Hinweise auf offenere Meeresbedingungen in der Vergangenheit und deuten somit auf ein früher eisfreies Meer in diesem Teil der Antarktis hin. dieniedersachsen.de hebt hervor, dass die Proben dazu dienen sollen, Einblicke in wärmere, CO2-reichere Erdzeitalter zu geben. Forscher hoffen, durch weitere Untersuchungen mehr darüber zu erfahren, wann und wie lange die Bedingungen für ein eisfreies Meer existierten und die genauen Umstände, die zum Verschwinden des westantarktischen Eisschildes führten.
Internationales Forschungsteam und zukünftige Forschung
Das Projekt SWAIS2C vereint über 120 Wissenschaftler aus zehn verschiedenen Ländern, die zusammenarbeiten, um den Klimawandel besser zu verstehen. Geleitet von Forschenden aus Neuseeland, den USA und Großbritannien, wird die deutsche Beteiligung durch mehrere Institute, darunter die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, repräsentiert. Diese internationale Zusammenarbeit ist entscheidend, um die komplexen Klimamodelle zu verbessern und fundierte Vorhersagen über die zukünftige Entwicklung des westantarktischen Eisschildes zu ermöglichen.
Der Bohrkern wurde zur Scott-Wissenschaftsbasis in Neuseeland transportiert, wo er für weitere Analysen bereitgestellt wird. Mit diesen Untersuchungen wird ein besseres Verständnis der Verschiebungen im antarktischen Klima und deren potenziellen globalen Auswirkungen angestrebt.