Am 3. Februar 2026 fand ein Seminar mit Prof. Dr. Theres Matthieß statt, das den Titel trug: „Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall: Wie gespalten ist Deutschland?“. Im Rahmen dieser Veranstaltung führte eine Gruppe von Studierenden ein Experteninterview mit Prof. Dr. Steffen Mau, einem anerkannten Spezialisten für soziale und politische Entwicklungen. Prof. Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin und seit Oktober 2025 Direktor des Max-Planck-Instituts in Göttingen. Der Ausgangspunkt des Interviews war Mau’s Buch „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“, das besonders die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland analysiert, so ifdem.de.

Im Interview wurden zentrale Begriffe aus Mau’s Buch thematisiert, wie „ready-made state“ und „ausgebremste Demokratisierung“. Diese Begriffe beziehen sich auf die hohe Geschwindigkeit, mit der westdeutsche Institutionen in die neuen Bundesländer übertragen wurden, was eigenständige Reformprozesse in der DDR stark bremste. Mau erklärte, dass die politische Kultur in Ostdeutschland weniger ausgeprägt in einer repräsentativen Demokratie verankert sei und alternative Formen der politischen Artikulation bevorzugt würden. Dabei ist die Wahrnehmung einer größeren Distanz zwischen Eliten und Bevölkerung im Osten ein prägnantes Thema. In Ostdeutschland halte man direktdemokratische Formate, wie Runde Tische, für besonders wichtig, während die AfD zunehmend die wahrgenommene Lücke in der politischen Landschaft besetze.

Kulturelle und wirtschaftliche Spaltungen

Die Teilnehmenden des Seminars thematisierten auch die über Jahrzehnte gewachsenen Unterschiede in der politischen und gesellschaftlichen Kultur beider deutscher Hälften. So zeigen empirische Belege, dass die Wirtschaftskraft Ostdeutschlands chronisch schwächer ist und weiterhin unter Strukturproblemen leidet. Dennoch sehen sich mehr als 80 Prozent der Ostdeutschen in Umfragen als Gewinner der Wiedervereinigung, allerdings verbunden mit einer skeptischeren Einstellung gegenüber der Politik als ihre westdeutschen Mitbürger, wie bpb.de berichtet.

Die Unterschiede gehen auch in Richtung der Lebensbedingungen: Jüngere Ostdeutsche, unter 35 Jahren, bewerten ihr Leben in der Bundesrepublik positiver als ältere Generationen, die aus der DDR stammten. In den 1990er Jahren war die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland deutlich höher als im Westen. Diese Arbeitsmarktsituation hinterließ nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale Narben, als viele Ostdeutsche sich an die neuen Gegebenheiten anpassen mussten, was im Fall von Raj Kollmorgen, einem gebürtigen Leipziger und Professor für Management sozialen Wandels, deutlich wird. Kollmorgen schildert die Wiedervereinigung als eine Zeit voller Unsicherheiten, während das wirtschaftliche Ungleichgewicht bis heute anhält, so zdf.de.

Politische Relevanz und Zukunftsausblick

Prof. Dr. Mau skizzierte im Verlauf des Gesprächs auch mögliche Lösungen, um die Spaltung zu überwinden. Er schlug die Etablierung von Bürgerräten als Räume demokratischer Entscheidungsfindung vor. Diese könnten dazu dienen, die demokratische Selbstwirksamkeit zu fördern und extreme Positionen zu moderieren. Die AfD, die sich gegen solche Formate positioniert, zeigt durch ihre Ablehnung die Relevanz dieser Maßnahmen umso mehr.

Angesichts der tiefen kulturellen und wirtschaftlichen Spaltungen bleibt die Herausforderung, die Stimme der Ostdeutschen in politischen Eliten zu stärken. Mau äußerte, dass er bei einem Stimmenanteil der AfD von bis zu 50 Prozent rechnet und dies als ein Anzeichen für die ungelösten strukturellen Probleme ansieht. Diese Herausforderungen sind im Transformationsprozess der deutschen Einheit eng verknüpft mit aktuellen politischen Fragen, die eine tiefere Auseinandersetzung erfordern.

Die Veranstaltung bot den Studierenden die Möglichkeit, sich intensiv mit den seminarischen Inhalten auseinanderzusetzen und relevante Interviews durchzuführen. Der Austausch von Perspektiven zwischen den Seminarteilnehmern und dem Experten stärkt das Bewusstsein für die vielschichtigen Debatten um die deutsche Identität und Demokratie in einem vereinten Deutschland.