In Deutschland sind eine Vielzahl von Menschen in Haft, weil sie ihre Geldstrafen nicht begleichen konnten. Eine aktuelle Untersuchung der Universität zu Köln, die in Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Dienst des Landes Berlin durchgeführt wurde, stellt die bekannten Annahmen über Geldstrafen und Ersatzfreiheitsstrafen in Frage. Die Studie zeigt eindringlich auf, dass die Auswirkungen von Geldstrafen auf bereits verwundbare Gruppen oft verheerend sind.
Das Forschungsprojekt „Ersatzfreiheitsstrafen bei schwer erreichbaren Personen vermeiden (EFS-SEP)“, unter der Leitung von Dr. Nicole Bögelein und Jana Meier, hat bis zum bisherigen Ende der Untersuchung im März 2026 zahlreiche Missstände aufgedeckt. Erschreckend ist, dass rund 56.000 Menschen jährlich in Gefängnissen sitzen, weil sie eine Geldstrafe nicht bezahlen können. Die Studie wurde mit 118.000 Euro gefördert und zeigte deutlich, dass die Mehrheit der Verurteilten, etwa zwei Drittel, ihre Geldstrafe begleicht. Ein Drittel hingegen wird mit Ersatzfreiheitsstrafen belegt.
Unzureichende Alternativen zu Haftstrafe
Die Veranstaltung zur Präsentation der Ergebnisse fand am 9. Februar 2026 in Berlin statt, und der Projektbericht ist seit dem 30. März 2026 auf dem Publikationsserver der Universität zu Köln verfügbar. Die Forscher beleuchten nicht nur die Statistiken, sondern auch die tief verwurzelten Probleme, mit denen die betroffenen Personen konfrontiert sind. Menschen mit Geldstrafen sind häufig von multiplen Problemlagen betroffen, darunter Armut, Wohnungslosigkeit, psychische und physische Gesundheitsprobleme sowie Erwerbsunfähigkeit.
Besonders alarmierend ist die Erkenntnis, dass bei Verurteilungen wegen Fahrens ohne gültiges Ticket die Hälfte der Verurteilten ihre Strafe in Haft absitzen muss. Nur etwa zwei von einhundert Fällen schaffen es, eine Haftstrafe durch die Ableistung gemeinnütziger Arbeit zu vermeiden. Diese niedrige Zahl unterstreicht die enormen Hindernisse, die Menschen in schwierigsten Lebenssituationen davon abhalten, gemeinnützige Arbeit anzunehmen.
Empfehlungen zur Verbesserung der Situation
Das Projekt schlägt mehrere Optionen vor, um die Situation zu verbessern. Dazu gehört, das Erschleichen von Leistungen im öffentlichen Nahverkehr nicht mehr anzuzeigen und das Delikt aus dem Strafgesetzbuch zu entfernen. Zudem wird empfohlen, Gnadenerlasse häufiger zu nutzen, um Menschen von Ersatzfreiheitsstrafen zu entlasten. Es wird auch angeregt, weitere Alternativen zur gemeinnützigen Arbeit zu finden, wie beispielsweise Therapien oder Unterstützung bei der Wohnungssuche, um die Schulden der Betroffenen zu reduzieren und Haftstrafen zu vermeiden.
Die Erhöhung der Anzahl derjenigen, die durch kreative Lösungen und schließlich auch durch zusätzliche Unterstützungssysteme ihre Lebenssituation verbessern können, ist von entscheidender Bedeutung. Die oft ausgereifteren Alternativen zur Inhaftierung könnten helfen, die Spirale der Strafjustiz zu durchbrechen und die Lebensbedingungen vulnerabler Menschen nachhaltig zu verbessern.
Diese vielschichtige Problematik erfordert rigorose Maßnahmen und ein Umdenken in Bezug auf Geldstrafen und ihre Durchsetzung – eine Herausforderung, die sich der Staat nicht länger entziehen kann. Ein weiterer Handlungsbedarf ist unabdingbar.



