Der Völkermord an den Sinti und Roma während der nationalsozialistischen Herrschaft bleibt ein enorm wichtiges, aber lange vernachlässigtes Thema. Er ist bis heute nicht ausreichend in den öffentlichen Diskurs integriert und in der Forschung kaum behandelt worden. Die Universität Heidelberg hat daher ein Projekt ins Leben gerufen, das dieser Thematik ein Denkmal setzt und eine umfassende Dokumentation der Verfolgungsgeschichte anstrebt. Dr. Karola Fings, wissenschaftliche Leiterin, erläutert die Ziele der neu ins Leben gerufenen „Edition zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Europa“.

Die Edition soll sämtliche Verfolgungsprozesse abbilden, die mit der rassistischen Stigmatisierung und den Morden in Vernichtungslagern verbunden sind. Dies umfasst alle Länder, in denen Sinti und Roma unter deutscher Vorherrschaft oder durch verbündete Staaten verfolgt wurden, selbst in neutralen Staaten. Die gesammelten Erkenntnisse basieren auf Schriftstücken aus dem Verwaltungs- und Verfolgungsapparat, ergänzt durch Quellen, die aus der Perspektive der Opfer stammen. So soll die Individualität und Selbstbehauptung der Betroffenen deutlich werden.

Ziele der Edition und kulturelles Gedächtnis

Dr. Frank Reuter hebt die Bedeutung dieser Edition für das kulturelle Gedächtnis Europas hervor. Sie wird als kuratiertes Archiv fungieren und soll nicht nur Geschichte dokumentieren, sondern auch Anstöße für weitere Forschungen geben. Die Prof. Dr. Tanja Penter betont zudem die zentrale Rolle des ost- und südosteuropäischen Tatraumes im Kontext des Völkermordes.

Das Team hinter diesem ambitionierten Projekt besteht aus mehreren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, darunter Dr. Fings, Dr. Reuter, Prof. Penter, Dr. Brigitte Grote und Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern. Die Arbeit an der Edition hat bereits Anfang des Jahres begonnen und stützt sich stark auf die digitale „Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa“, die durch das Auswärtige Amt gefördert wird.

Die digitale Enzyklopädie

Die Enzyklopädie zielt darauf ab, verstreutes historisches Wissen zusammenzuführen. Der Zentralratsvorsitzende Romani Rose unterstreicht die historische Bedeutung dieser Enzyklopädie, die einige der dunkelsten Taten der Menschheitsgeschichte auffasst. Berichten zufolge wurden unter dem nationalsozialistischen Regime hunderttausende Sinti und Roma verfolgt und ermordet. Die Forschungstätigkeiten sind in der Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma angesiedelt und werden von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat begleitet.

Es wird darauf hingewiesen, dass Hunderte Tatorte, von Erschießungen in Osteuropa bis hin zu Konzentrationslagern in Westeuropa, identifiziert werden konnten. Viele Wissenschaftler kritisieren die bisherige Rückständigkeit der Forschung bezüglich des Holocaust an Sinti und Roma. An diesem umfassenden Forschungsprojekt sind über 90 Forscher aus 25 Ländern beteiligt.

Die einzelnen Beiträge der Enzyklopädie sollen zunächst online zugänglich gemacht werden, um schnellstmöglich mit der Aufarbeitung des Themas zu beginnen. Angestrebt wird, bis Ende 2025 rund 1.000 Fachbeiträge zu veröffentlichen. Das Importante daran ist auch die Schaffung eines Zugangs zu einer Vielzahl von Fachbeiträgen, die alphabetisch und nach Themen sortiert sind.

Ein begleitendes Online-Portal wurde am 5. März 2024 in Berlin präsentiert. Neben allgemeinen Fachbeiträgen erwarten Nutzer auch Fotografien, interaktive Karten mit wichtigen Tatorten und eine Chronologie, die relevante Ereignisse seit 1933 nachzeichnet. Romani Rose hebt in diesem Zusammenhang die Unterstützung durch Dr. Karola Fings und Botschafter Dr. Robert Klinke hervor, sowie die Finanzierung durch das Auswärtige Amt, die es ermöglicht, die dunkle Vergangenheit der Sinti und Roma in Europa umfassend zu erforschen.

Die Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg ist die erste akademische Institution in Europa, die sich diesem wichtigen Thema gewidmet hat. Seit 2017 wird dort zu den Ursachen, Formen und Folgen des Antiziganismus in Europa geforscht. Die Arbeit der Forschungsstelle und die neu gestartete Edition werden als entscheidende Fortschritte in der Aufarbeitung dieser Thematik angesehen, um das historische Gedächtnis zu bewahren und gegen gegenwärtigen Antiziganismus zu sensibilisieren.

Für weitere Informationen über die Edition und die Enzyklopädie zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Europa finden Sie bei uni-heidelberg.de und zentralrat.sintiundroma.de.