In der Staats- und Universitätsbibliothek (SuUB) in Bremen findet derzeit die eindrucksvolle Ausstellung „Unissued Diplomas“ statt. Diese ist vom 10. Februar bis 15. März 2026 für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Eintritt ist frei. Das internationale Projekt dient dem Gedenken an ukrainische Studierende, die ihr Leben durch die verheerenden Folgen der russischen Invasion in der Ukraine verloren haben. Die Ausstellung dokumentiert und visualisiert die individuellen Lebensgeschichten dieser verstorbenen Studierenden, die sowohl Zivilpersonen als auch solche umfasst, die ihr Studium unterbrachen, um an der Front zu kämpfen. Symbolisch werden „nicht ausgegebene Diplome“ präsentiert, die für insgesamt 40 gefallene Studierende stehen.

Das Projekt wurde 2023 in der Ukraine ins Leben gerufen und hat sich bis heute mit über 300 Ausstellungen in mehr als 30 Ländern verbreitet. Ein internationales Team von über hundert jungen Ukrainern engagiert sich für das Andenken an die gefallenen Kommilitonen. Unterstützung erfahren die Organisatoren durch zahlreiche Initiativen, die an die Humanität und den Schmerz erinnern, den der Krieg in die Leben so vieler gebracht hat. Professorin Susanne Schattenberg wird am 24. Februar um 14 Uhr in der SuUB einen Vortrag halten. Unter dem Titel „Der tägliche Krieg nebenan. Die Ukraine im fünften Kriegsjahr“ spricht sie über die aktuellen Herausforderungen und den Alltag in der Ukraine.

Die Auswirkungen der Invasion auf das Hochschulsystem

Der Verlauf und die tiefgreifenden Auswirkungen der Invasion, die am 24. Februar 2022 begann, haben das ukrainische Hochschulsystem in seiner bisherigen Form stark erschüttert. Das Bildungssystem der Ukraine hat seit der Unabhängigkeit 1991 einen stetigen Reformprozess durchlaufen, der insbesondere in den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, von der Forderung nach Entsowjetisierung geprägt war. Jedoch blieben viele Reformen aufgrund wirtschaftlicher Krisen und Unterfinanzierung begrenzt und rückläufig.

In den folgendenden Dekaden wurden wichtige Schritte unternommen, wie der Beitritt zum Bologna-Prozess 2005 und die Einführung eines Bachelor/Master-Systems im Jahr 2009. Dennoch wurde die Bildungspolitik bis 2014 stark politisiert, was zu einem inkonsistenten Reformkurs führte. Nach den Maidan-Protesten setzte jedoch ein kohärenter Reformprozess ein, der durch die COVID-19-Pandemie 2020 und die umfassende Zerstörung durch den Krieg ab 2022 massiv beeinträchtigt wurde.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz aller Schwierigkeiten hat sich das ukrainische Hochschulsystem als resilient erwiesen. Unter den Bildungsministern Serhij Kwit und Lilija Hrynewytsch wurden grundlegende Reformen angestoßen, die darauf abzielen, den europäischen Standards näher zu kommen. Im Jahr 2014 trat die Ukraine dem EU-Forschungsförderprogramm „Horizon 2020“ bei und erzielte Fortschritte in der (Selbst-)Verwaltung und Qualitätssicherung.
Dennoch sind die Auswirkungen des Krieges verheerend. Bis November 2024 wurden 97 Hochschulen beschädigt und drei völlig zerstört. Für den Wiederaufbau der Hochschulinfrastruktur wird mit Kosten von etwa 3,5 Milliarden US-Dollar gerechnet.

Das Risiko, dass der Bildungssektor in von Russland besetzten Gebieten russifiziert wird, stellt eine weitere Herausforderung dar. Die ukrainische Regierung plant, das Hochschulsystem stärker an EU-Standards anzupassen, um im Zuge des EU-Beitrittsprozesses, der im Juni 2024 begonnen hat, voranzukommen. Aktuell sinkt die Zahl der Studierenden, die von 2,4 Millionen im Studienjahr 2007/08 auf 1,1 Millionen im Jahr 2023/24 gefallen ist. Um die Effizienz zu steigern, plant das Bildungsministerium Fusionen von Hochschulen, wodurch die Anzahl der staatlichen Universitäten von 120 auf 100 reduziert werden soll.

Die Zukunft des ukrainischen Hochschulsystems liegt in der Balance. Es ist eine Zeit des Wandels und der Herausforderungen, in der der Wiederaufbau und die Anpassung an ein neues, europäisch ausgerichtetes Bildungssystem gefordert sind. Die Ausstellung „Unissued Diplomas“ stellt nicht nur die Erinnerung an die verlustigen Studierenden in den Vordergrund, sondern spiegelt auch die Hoffnung wider, dass das ukrainische Bildungssystem stärker aus der Krise hervorgehen kann.

Für weitere Informationen zur Ausstellung und dem Projekt besuchen Sie die Webseite der Universität Bremen, wo regelmäßig aktuelle Meldungen und Veranstaltungen veröffentlicht werden.