Die Situation der Säugetierpopulationen in europäischen und nordamerikanischen Zoos ist alarmierend. Eine internationale Studie, die unter Leitung der Universität Zürich durchgeführt wurde und an der auch die Goethe-Universität Frankfurt, die Universität Aarhus, der Zoo Zürich und der Zoo Kopenhagen beteiligt waren, hat gezeigt, dass viele dieser Populationen überaltert sind. Diese Entwicklung gefährdet nicht nur die Stabilität der Reservepopulationen, sondern auch die Artenschutzaufgaben moderner Zoos. Die Erkenntnisse wurden nun in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlicht, wie puk.uni-frankfurt.de berichtete.
Im Rahmen der umfassenden Analyse wurden 774 Säugetierpopulationen untersucht, darunter 361 in Nordamerika und 413 in Europa, und zwar über den Zeitraum von 1970 bis 2023. Die verwendeten Daten stammen aus der internationalen Datenbank „Species360“, die von über 1.200 Institutionen verwaltet wird. Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Altersstruktur dieser Zoopopulationen, die systematisch überprüft wurde.
Kritische Altersstrukturen und Fortpflanzungsrückgang
Die Studie identifizierte eine neue Methode zur automatischen Kategorisierung von Populationspyramiden. Stabile Populationen zeichnen sich durch pyramidenförmige Altersstrukturen aus, die viele junge Tiere aufweisen. Im Gegensatz dazu nimmt die Zahl der Populationen, die diamant- oder säulenförmige Strukturen aufweisen und als weniger stabil gelten, zu. Ein besorgniserregender Trend ist der drastische Rückgang aktiver Fortpflanzungen: In Nordamerika ist dieser um 49 Prozent gesunken, während in Europa sogar ein Rückgang um 68 Prozent festgestellt wurde. In mehreren Populationen existieren gar keine fortpflanzungsfähigen Weibchen mehr.
Der fehlende Nachwuchs hat nicht nur langfristige Auswirkungen auf die Stabilität von Zoo-Populationen, sondern beeinträchtigt auch die Sozialstruktur vieler Tierarten erheblich. Diese Probleme gefährden die zentrale Artenschutzarbeit der Zoos. puk.uni-frankfurt.de hebt hervor, wie wichtig Zoos, Aquarien und botanische Gärten im globalen Kampf gegen den Verlust der biologischen Vielfalt sind.
Notwendigkeit zum Handeln
Die IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur) betont die entscheidende Rolle, die diese Institutionen im Erhalt stabiler und resilenter Reservepopulationen spielen. Der Trend zur Überalterung muss dringend umgekehrt werden, um die nachhaltige Fortpflanzung und die Rekrutierung neuer Tiere fördern zu können. Wissenschaftlich geleitete Zoos tragen nicht nur zur Bildung und Forschung bei, sondern ziehen auch jährlich Millionen von Besuchern an. Doch die sinkenden Tierzahlen und die überalterten Bestände gefährden zunehmend auch die Bildungs- und Forschungsarbeit der Zoos.
Das Populationsmanagement in den Zoos sollte daher stärker auf demografische Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Die Erkenntnisse der Studie verdeutlichen die dringliche Notwendigkeit, tiefergehende Maßnahmen zu ergreifen, um die Herausforderungen zu bewältigen, vor denen moderne Zoos stehen. Insbesondere gilt es, eine verantwortungsvolle Zuchtpraxis zu fördern, um die Lebensfähigkeit der Säugetierpopulationen langfristig zu sichern.