Eine umfassende Studie der Universität Göttingen und des ungarischen HUN-REN Centre for Ecological Research hat neue Erkenntnisse zur Insektenvielfalt in Grasland-Ökosystemen geliefert. Die Forscher untersuchten über 23.000 Grashalme und fanden in zehn mehrjährigen Gras-Arten insgesamt 255 Insektenarten. Im Gegensatz dazu wurden in fünf einjährigen Gras-Arten keine Insekten gefunden. Diese Ergebnisse sind alarmierend, da sie auf die Bedeutung mehrjähriger Gräser für die Biodiversität hinweisen und die Risiken des intensiven Mähens verdeutlichen.
Besonders interessant ist die Feststellung, dass längere Halme mehrjähriger Gras-Arten eine höhere Insektenvielfalt begünstigen. Rund ein Drittel der gefundenen Insekten ernährt sich direkt vom Gras, während der Rest aus parasitischen Wespen besteht. Nahezu zwei Drittel der Insekten sind auf Gräser spezialisiert, wobei die Hälfte auf einzelne Gras-Arten verweist. Dies verdeutlicht, wie wichtig diverse Grasland-Arten für die Stabilität der Insektenpopulationen sind.
Maßnahmen zur Erhaltung der Insektenvielfalt
Die Forscher empfehlen, dass Teile des Grünlands mehrere Jahre ungemäht bleiben sollten, um stabile Insekten-Populationen zu fördern. Diese Erkenntnisse sind besonders relevant im Kontext eines alarmierenden Trends: In Deutschland ist die Insektenbiomasse in den letzten 27 Jahren um 75 % gesunken, was gravierende Folgen für die Bestäuber und somit auch für die Lebensmittelwirtschaft hat. Drei Viertel der globalen Nahrungspflanzenarten sind von Bestäubern abhängig, weshalb der Rückgang dramatische ökonomische Folgen haben könnte.
Einer der entscheidenden Faktoren für das Artensterben ist der Verlust von Lebensraum, der durch die Landwirtschaft verursacht wird. Dennoch gibt es Ansätze, die darauf abzielen, Lebensräume für Insekten zu schaffen. In sieben Pilotregionen werden Maßnahmen zur Förderung von Insekten und Biodiversität umgesetzt. Dazu zählen unter anderem Blühstreifen, blühende Zwischenfrüchte und weite Reihen im Getreidefeld. Diese Strategien tragen aktiv zur Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS) bei und zielen darauf ab, eine zukunftsfähige Landwirtschaft zu entwickeln, die auch auf andere Regionen Europas übertragbar ist.
Die Rolle der Forschung
Die Studie, die von Professor Dr. Teja Tscharntke geleitet wurde, hebt die Notwendigkeit ungestörter Lebensräume für die Insektenvielfalt hervor. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift Basic and Applied Ecology veröffentlicht und liefern wichtige Hinweise für Praktiker in der Landwirtschaft sowie für Naturschutzorganisationen. Der regelmäßige Mähen von Wiesen und Weiden bedroht die Vielfalt spezialisierter Insekten und gefährdet somit die Stabilität des gesamten Ökosystems.