Die Universität Passau widmet sich seit 2023 einer umfassenden Untersuchung grammatikalischer Variationen, insbesondere den Hilfsverben „haben“ und „sein“. Dieses Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bis 2027 gefördert und hat die Projektnummer 509137817. Ziel ist es, die sprachlichen Unterschiede zu erforschen und deren mögliche Funktionsunterschiede zu ermitteln. Ein prominentes Beispiel für regionale Unterschiede in der Verwendung dieser Verben zeigt sich darin, dass im Norden häufig „ich habe gesessen“ gesagt wird, während im Süden, unter anderem in Passau, „ich bin gesessen“ Usus ist. Weitere Variationen umfassen die Formulierungen „ich habe gejoggt“ versus „ich bin gejoggt“ sowie „die Wäsche ist getrocknet“ im Gegensatz zu „hat getrocknet“.

Das Projekt geht weit über oberflächliche Sprachbeobachtungen hinaus, indem es große Sprachkorpora computergestützt analysiert. Diese Methode soll helfen, die Kontexte, in denen die untersuchten Verben verwendet werden, präzise zu erfassen. Die Forschung zeigt interessante Entwicklungen in der Gegenwartssprache und der Sprachgeschichte, die größer sind als bisher angenommen.

Grammatische Variationen analysieren

Das Projekt mit dem Titel „Freie und gebundene Variation in der Grammatik“ läuft bis 2026 und zielt darauf ab, die Variationen der Perfekthilfsverben „haben“ und „sein“ eingehend zu untersuchen. Prof. Dr. Melitta Gillmann von der Universität Duisburg-Essen und Prof. Dr. Alexander Werth von der Universität Passau leiten das Vorhaben. Dabei arbeiten mehrere Mitarbeitende, darunter Christoph Eichinger und Liubov Postol, aktiv an der Erforschung mit.

Die Analyse wird ergänzt durch die Annotierung der Korpusdaten nach semantisch-syntaktischen Merkmalen und die Entwicklung eines Annotationsleitfadens für zukünftige Studien. Das Projekt hat auch festgestellt, dass die historische Variation der Hilfsverbwahl deutlich ausgeprägter ist und individuelle Unterschiede im Auxiliargebrauch sichtbar sind. Bekannte Fälle wie die Variation bei Positionsverben sind Teil dieser umfassenden Untersuchung, während unbekannte Fälle wie „hat/ist einen Weg eingeschlagen“ ebenfalls unter die Lupe genommen werden.

Sprachliche Variation verstehen

Variation in der Linguistik umfasst die unterschiedlichen Realisierungen einer Einheit des Sprachsystems in einer Äußerung. Laut der Wikipedia können Variationen auf allen grammatischen Beschreibungsebenen auftreten und sind häufig mit regionalen Unterschieden verbunden. Ein Beispiel hierfür ist die Aussprache des -Lautes im Deutschen, wo zwischen Nord- und Süddeutschland Unterschiede bestehen. Die Ursachen für Variation sind Sprachwandel und Entlehnung, was sich in den flexiblen Nutzungsmöglichkeiten der Sprache niederschlägt.

Zusammengefasst zeigt das Projekt der Universität Passau nicht nur die strukturellen Unterschiede in der Verwendung der Hilfsverben auf, sondern vertieft auch das Verständnis für die Prozesse, die diese Variationen bedingen. In Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen wird ein wertvoller Beitrag zur linguistischen Forschung geleistet, der die Komplexität der deutschen Sprache in all ihren Facetten erfasst.