In Hagen hat am 6. März 2026 ein interdisziplinärer Austausch zwischen Oral Historians und Biographieforschenden stattgefunden. Die Veranstaltung, die von Dr. Almut Leh von der FernUniversität in Hagen organisiert wurde, beleuchtet die enge Verbindung zwischen Biographieforschung und Oral History, zwei Disziplinen, die sich mit der Erfassung und Analyse von Lebensgeschichten beschäftigen.
Dr. Almut Leh betonte die interdisziplinäre Natur der Biographieforschung und die Bedeutung dieser Vernetzung für die Forschung. Im Rahmen der Veranstaltung wurde die Methode des narrativen Interviews präsentiert, die als methodisches Fundament für mehrere Wissenschaftszweige dient. Fritz Schütze, ein bekannter Soziologe und Mitorganisator der Werkstatt, hat diese Technik maßgeblich entwickelt. Schützes Ansatz, der seit den 1970er Jahren einen großen Einfluss auf die Forschung hat, konzentriert sich auf die offene Struktur des narrativen Interviews.
Das narrative Interview als Forschungsinstrument
Im Gegensatz zu journalistischen Interviews, die in der Regel strengere Fragestellungen beinhalten, besticht das narrative Interview durch seine ergebnisoffene Struktur. Bei dieser Methode stellen Forschende lediglich eine offene Eingangsfrage und hören dann aufmerksam zu, ohne strukturierende Folgefragen zu stellen. Diese Form des Interviews hat das Institut für Geschichte und Biographie (IGB) an der FernUniversität in Hagen als „Goldstandard“ der Oral History etabliert.
Das IGB bietet im Archiv „Deutsches Gedächtnis“ eine wachsende Sammlung data aus narrativen Interviews, die für verschiedene Forschungsprojekte zur Verfügung stehen. Ein bedeutender Teil der Geschichte der oral-historischen Forschung an der FernUniversität wurde 1987 dokumentiert, als ein Studienbrief über narrative Interviews veröffentlicht wurde. Dieser wurde ebenfalls von Fritz Schütze verfasst. Die Idee für die Forschungswerkstatt entstand aus einem Gespräch zwischen Dr. Dennis Möbus, Dr. Almut Leh und Fritz Schütze.
Ein zentrales Element der Werkstatt war die gemeinsame Analyse und Interpretation von Interviewmaterial durch Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen. Die Workshops umfassten sowohl eine Audioquelle aus der Oral History als auch ein Transkript aus der sozialwissenschaftlichen Forschung. Besonders die Zeitzeugen-Interviews, die das Thema DDR-Geschichte behandelten, standen im Fokus der Fortbildung.
Förderung der interdisziplinären Zusammenarbeit
Durch diese interdisziplinäre Zusammenarbeit wurde das Verständnis zwischen den Disziplinen gefördert, und es entstanden neue Denkanstöße, die für die weitere Forschung von Bedeutung sind. Dr. Almut Leh hob in ihren Ausführungen die Rückbesinnung auf den Kern der Oral History hervor, die in der heutigen Zeit besonders wichtig sei. Zudem engagiert sich das IGB intensiv im Bereich der Digital Humanities und hat mehrere Infrastrukturprojekte initiiert.
Im Rahmen dieser Entwicklungen denken die Verantwortlichen über die Etablierung eines fortlaufenden Formats nach, das unter dem Titel „Interdisziplinäre Hagener Forschungswerkstatt“ firmieren könnte. Dieses Modell könnte dazu beitragen, die Forschungslandschaft in Hagen weiter zu beleben und relevante Themen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ein weiteres Beispiel für die interdisziplinäre Forschung ist das Projekt „Frank Falla Archive“, das in Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge und Jersey Heritage durchgeführt wurde. Dieses Projekt, das auf die britischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung fokussiert, bietet eine wertvolle Ressource zur Erforschung der Geschichte der Kanalinseln. Zentrale Elemente sind dabei die Erinnerungen von Bewohnern, die in deutsche Gefängnisse und Lager verschleppt wurden, sowie umfangreiche Dokumentationen, die auch Entschädigungsanträge aus den 1960er Jahren umfassen. Forschung an der FU Berlin hat dieses Projekt gefördert und dabei die marginalisierten Erfahrungen von Betroffenen in den Mittelpunkt gerückt.
Die Webseite „The Frank Falla Archive“ enthält bedeutende Testimonies, Angehörigen-Interviews, Fotografien und wichtige Kontextinformationen zu den Haftorten. Ziel des Projekts ist es, diese wichtigen historischen Erzählungen für Forschung, Bildung und Erinnerungskultur verfügbar zu machen und die Grundlage für weitere vergleichende Studien zu schaffen.