Rund 35 Wissenschaftler*innen aus sieben Ländern haben ein wegweisendes Positionspapier zur Regionalsprachenforschung veröffentlicht. Das Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas (DSA) an der Universität Marburg, welches das Projekt leitet, setzt sich dafür ein, die digitale Sichtbarkeit von Dialekten und Regionalsprachen zu erhöhen. Bislang werden Sprachmodelle hauptsächlich mit Texten und Aufnahmen in der Standardsprache trainiert, was die Vielfalt der gesprochenen Sprache vernachlässigt.
Das Forschungszentrum veranstaltete einen interdisziplinären Scoping-Workshop, der von Prof. Dr. Hanna Fischer und Prof. Dr. Alfred Lameli geleitet wurde. Dabei wurde das „Netzwerk Regionale Sprache und Künstliche Intelligenz“ gegründet, welches sich der Nutzung der Potenziale von Künstlicher Intelligenz für die kulturelle Vielfalt verschrieben hat. Prof. Dr. Lameli hebt hervor, dass Dialekte Träger kultureller Identität sind und digitale Daten in diesem Bereich dringend standardisiert und systematisiert werden müssen.
Notwendigkeit der Digitalisierung von Dialekten
Eine der größten Herausforderungen, die im Positionspapier thematisiert wird, ist der Mangel an qualitativ hochwertigen, rechtssicheren Daten für Dialekte. Ältere Menschen und Bewohner ländlicher Regionen sind durch die gegenwärtige Digitalisierungsstrategie benachteiligt. Die Wissenschaftler*innen fordern eine einheitliche Digitalisierung nach den FAIR-Prinzipien: Findable, Accessible, Interoperable und Reusable.
Das Positionspapier trägt den Titel „Regionale Sprache und Künstliche Intelligenz im Zeitalter der digitalen Transformation“ und wurde in der Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik veröffentlicht. Es skizziert drei Entwicklungsziele für die Zukunft der Regionalsprachenforschung. Diese beinhalten die Nutzung des Potenzials von KI, die Darstellung kultureller Vielfalt und die verantwortungsvolle Gestaltung der digitalen Transformation.
Herausforderungen und Empfehlungen
Das Papier weist auf die Verantwortung der wissenschaftlichen Disziplin hin, die regionalen Sprachen digital darzustellen und definiert die derzeitigen Herausforderungen und Wünsche. Konkrete Empfehlungen zur Förderung der Forschung an regionalen Sprachen werden ebenfalls gegeben. Ziel ist es, ein Übersetzungstool für Dialekte zu entwickeln, basierend auf dem Datenbestand des Deutschen Sprachatlas, der möglicherweise eine innovative Grundlage für KI-Modelle bieten kann.
Das DSA feiert im Jahr 2026 sein 150-jähriges Bestehen und trägt mit dieser Initiative zu einem zukunftsorientierten Umgang sowohl mit regionalen Sprachen als auch mit moderner Technologie bei. Der Diskurs über die Digitalisierung und die Rolle der KI in der Regionalsprachenforschung ist aktueller denn je und wird die weitere Entwicklung in diesem Bereich maßgeblich beeinflussen.