In Bonn hat heute die Ausstellung „Pflanzenwissen im Wandel“ eröffnet, die Besucher in vier Kapitel einführt: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Diese thematisieren die vielschichtigen Beziehungen zwischen Menschen, Pflanzen und Wissen sowie die Konzepte von Wachstum, Verlust und Erinnerung. Im Mittelpunkt stehen die Werke von Künstlerinnen mit familiären Wurzeln, die sich auf verschiedene Kontinente erstrecken, darunter Chile, Australien, Neuseeland, Nigeria, Mauritius, Indien und Jamaika. Diese Vielfalt bringt einen reichen kulturellen und biografischen Kontext in die Ausstellung ein.
Ein herausragendes Werk im ersten Kapitel „Frühling: Wovon träumt Pewen?“ stammt von der queerem Mapuche-Künstlerin Neyen Pailamilla. Ihre Kunst behandelt das Wissen über Pflanzen als einen spirituellen und gemeinschaftlichen Prozess und reflektiert die Erfahrungen von Diaspora, Entwurzelung und Verbundenheit, die insbesondere in der Spiritualität der Mapuche eine zentrale Rolle spielen. Pailamilla lebt und arbeitet in Zürich und bietet durch ihre Arbeiten einen tiefen Einblick in kulturelle Identitäten.
Partizipation und Interaktion
Die Ausstellung bietet eine Vielzahl von partizipativen Angeboten. Ein Duftlabor, in Kooperation mit dem Institut für Pharmazeutische Biologie, lädt die Besucher ein, verschiedene Pflanzen zu riechen, mikroskopisch zu betrachten und zeichnerisch zu untersuchen. Workshops zur Pflanzen-Destillation erweitern das Erlebnis. Ein Familien-Leseteppich wurde in Zusammenarbeit mit Der Kleine Laden e.V. gestaltet und bietet eine Auswahl an Büchern über Pflanzen, Gärten, Wasser und Lebensräume, die Familien ansprechen.
Zusätzlich wird eine Bibliothek für Schwarze Ökologien, in Kooperation mit der Theodor Wonja Michael Bibliothek, eingerichtet. Hier finden Besucher Literatur, die Perspektiven afrikanischer und afro-diasporischer Menschen behandelt. Ein Lehrforschungsprojekt mit den Botanischen Gärten der Universität Bonn thematisiert unter dem Titel „Botanic Futures“ Fragen zu Migration und Widerstand. Studierende dort erstellen Zyanotypien und Zines, die ebenfalls zur Diskussion anregen.
Besucher können zudem eine Augmented-Reality-App herunterladen, die animierte Zyanotypien auf innovative Weise zum Leben erweckt. Diese interaktive Erfahrung fördert ein vertieftes Verständnis für die komplexen Beziehungen zwischen Pflanzen und Menschen und wird von dem Bonn Center for Dependency and Slavery Studies (BCDSS) unterstützt.
Wissenschaftlicher Kontext und Dekoloniale Ansätze
Die Ausstellung steht im Kontext einer wachsenden kulturwissenschaftlichen Pflanzenforschung, die sich zunehmend mit der Zerstörung von Wissenssystemen im Kontext der Kolonialisierung befasst. Insbesondere wird das Wissen über Pflanzen und Umweltinteraktionen beleuchtet. Eine dekoloniale Pflanzentour, die am 27. August 2023 stattfinden sollte, war für BIPOC FLINTA* Personen vorgesehen und sorgte für reges Interesse, sodass der Workshop schnell ausgebucht war. Anmeldemöglichkeiten wurden bis zum 25. August angeboten, und die Veranstaltung sollte in Englisch oder Deutsch mit Flüsterübersetzung durchgeführt werden, um eine breitere Zugänglichkeit zu ermöglichen.
Die kulturwissenschaftliche Pflanzenforschung, wie sie in der deutschsprachigen Forschungslandschaft entsteht, bezieht sich auf Botanik, Philosophie sowie die Strömungen von Ecocriticism und Animal Studies. Ein zentraler Aspekt dieser Forschung ist das Verständnis von Pflanzen als aktive Akteure mit Kommunikationsfähigkeiten. Peter Wohlleben, Förster und Autor, hat wiederholt auf die sozialen Fähigkeiten von Pflanzen, insbesondere Bäumen, hingewiesen, während Emanuele Coccia die fundamental Bedeutung der Pflanzen für das Leben auf der Erde beleuchtet. Diese Debatten in der Wissenschaft zur „plant blindness“ und der Agency von Pflanzen sind zentral, um die Rolle von Pflanzen in der Mensch-Pflanze-Interaktion neu zu positionieren.
Insgesamt bietet die Ausstellung nicht nur eine Plattform für zeitgenössische Kunst, sondern auch eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Rolle von Pflanzen in der Gesellschaft und deren kultureller Bedeutung. Besucher sind eingeladen, auf eine Reise durch die Jahreszeiten und die damit verbundenen Themen mitzugehen und dabei die Vielschichtigkeit der Beziehungen zwischen Pflanzen und Menschen zu erkunden.
Die umfassenden Inhalte der Ausstellung belegen, dass Pflanzen weit mehr sind als nur Objekte, die für den Menschen von Nutzen sind. Vielmehr sind sie Akteure in unserer Welt, deren Einfluss und Bedeutung in der kulturwissenschaftlichen Forschung zunehmend anerkannt wird. uni-bonn.de berichtet, dass die Ausstellung durch interaktive Elemente und partizipative Programme die Verbindung zwischen Kunst, Wissenschaft und Öffentlichkeit fördert. In einer Welt, die zunehmend vom Unverständnis für den Wert von Pflanzen geprägt ist, bietet die Ausstellung eine dringend benötigte Perspektive.
Weitere Informationen über die Zerstörung von Wissenssystemen im Kontext der Kolonialisierung und die dekoloniale Pflanzentour sind auf spore-initiative.org zu finden, während der breitere akademische Kontext der Pflanzenforschung auf kulturwissenschaftlichezeitschrift.de untersucht wird.