In der aktuellen Diskussion über Geschlechterrollen und gesellschaftliche Erwartungen hat die Tradwife-Bewegung, die traditionelle Hausfrauenmodelle propagiert, sowohl in den USA als auch in Deutschland an Bedeutung gewonnen. Auf Social-Media-Plattformen wie TikTok und Instagram zeigen junge Frauen ihre „Hausfrauenleben“ und erzielen damit Millionen von Followern. Dies wird von vielen als ein Rückschritt in die 1950er-Jahre wahrgenommen, was Kritiker besorgt auf den Plan ruft. Die Justus-Liebig-Universität Gießen plant eine Ausstellung, die sich mit dem Wandel des Idealbilds der Hausfrau auseinandersetzt und zeitgleich den Internationalen Frauentag feiert.
Die an der Ausstellung „Kreuzstich Gelee“ beteiligten Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft, inklusive Imke Daum, Sonja Mogk und Mio Trillitzsch, beleuchten das Thema durch verschiedene künstlerische Ansätze. Die Ausstellung soll vom 7. bis 10. März 2026 im Ateliergemeinschaft trafo e.V. in Gießen stattfinden und bietet Besuchern die Gelegenheit, sich mit den Lebensrealitäten von Frauen auseinanderzusetzen. Begleitend zur Ausstellung wird auch eine Audioinstallation angeboten, die Stimmen von Interviewten beinhaltet. Diese Gespräche werfen zentrale Fragen auf, wie die Weitergabe von Lebensmodellen und Idealen durch Mütter und Großmütter sowie den Einfluss der Tradwife-Bewegung auf die heutige Gesellschaft.
Der Einfluss der Tradwife-Bewegung
Tradwives, die aus einem konservativen Familienmodell heraus agieren und nostalgische Werte vermitteln, sind in der heutigen Zeit umstritten. Statistiken zeigen, dass 77 % der Frauen in Deutschland zwischen 20 und 64 Jahren erwerbstätig sind, was im Gegensatz zu den Idealen der Tradwives steht, die ein Leben in finanzieller Abhängigkeit propagieren. Diese Rückkehr zu alten Geschlechterrollen könnte insbesondere für zukünftige Generationen problematisch werden. Historikerin Hedwig Richter warnt, dass die Bewegung überschätzt wird, und sieht keine massenhafte Abkehr junger Frauen von beruflichen Perspektiven hin zu einem Leben als Hausfrau. Dennoch erfreuen sich Influencerinnen, die diesen Trend fördern, großer Beliebtheit und monetarisierten ihre Inhalte.
Die Nachhaltigkeit und Authentizität der dargestellten Lebensstile sind jedoch fragwürdig. Viele dieser „Hausfrauen“ sind aktiv in sozialen Medien und generieren Einkommen aus ihren Inhalten. Zeitgleich wird die romantisierte Vorstellung des Lebens als Hausfrau kritisiert, da dabei die ya finanziellen und sozialen Unsicherheiten, die Frauen in traditionellen Rollen oft erfahren, ignoriert werden. Experten heben hervor, dass Frauen, die als Hausfrauen leben, oft höheren Armutsrisiken ausgesetzt sind, besonders im Alter. Das Statistische Bundesamt berichtet, dass 20,8 % der Frauen ab 65 Jahren armutsgefährdet sind, verglichen mit 15,9 % der Männer.
Kritische Stimmen und gesellschaftliche Auswirkungen
Kritiker betonen, dass der Trend nicht nur nostalgische Sehnsüchte bedient, sondern auch als gefährlich angesehen werden kann. Es besteht die Gefahr, dass alte Rollenmuster wieder legitimiert und feministische Errungenschaften zurückgesetzt werden. Silvi Carlsson charakterisiert die Bewegung als „rechtskonservative Verkaufsmasche“, die Frauen in eine Lebensweise dränge, die auf Selbstzerstörung abziele. Dabei wird deutlich, dass das Streben nach einem vermeintlich einfachen Leben als Hausfrau die sozialen und finanziellen Abhängigkeiten nicht reflektiert, die daraus resultieren können.
Ein zentraler Aspekt der Diskussion ist der Gender Care Gap, der aufzeigt, dass Frauen in Deutschland durchschnittlich fast zehn Stunden pro Woche mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Dies verdeutlicht die zugrunde liegenden Ungleichheiten, die durch die Tradwife-Bewegung möglicherweise verstärkt werden. Während einige Frauen im Internet individuell Lösungen suchen und dieses Lebensmodell als Erfüllung betrachten, müssen wir auch die Risiken und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die mit solchen Rückzügen verbunden sind, kritisch hinterfragen.