Die Diskussion über Arbeitslosigkeit ist in Deutschland ein brisantes Thema, das oft von Vorurteilen und Mythen geprägt ist. Eine neue Analyse des Instituts für Arbeit (iaw) beleuchtet nun die Erzählung vom angeblich „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“. Laut dieser Untersuchung ist diese Darstellung empirisch kaum haltbar und dient vielmehr als Rechtfertigung für soziale Kürzungen und restriktive Reformen. Dr. René Böhme, ein Mitverfasser der Studie, betont, dass die Ergebnisse ein differenzierteres Bild zeichnen, als es in der öffentlichen Debatte oft vermittelt wird. In der Analyse wird aufgezeigt, dass eine Fixierung auf die Vorstellung von Arbeitsunwilligkeit sowohl strukturelle Arbeitsmarktprobleme individualisiert als auch tiefere Ursachen der Erwerbslosigkeit verdeckt. Die Uni Bremen berichtet, dass die Inklusion von Verwicklungen wie Langzeitarbeitslosigkeit, gesundheitlichen Einschränkungen oder familiären Verpflichtungen in der Studie einen wichtigen Aspekt darstellt.
Im Dezember 2024 zählte Deutschland rund 5,7 Millionen Beziehende des Bürgergeldes. Aufschlussreich ist, dass von diesen lediglich 0,4 Prozent als sogenannte „Totalverweigerer“ galten. Weitaus mehr wirkliche Hürden zur Integration in den Arbeitsmarkt wurden festgestellt: 44 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten hatten mindestens ein nachweisbares Vermittlungshemmnis. Mehrfachbelastungen im Alltag erschweren zudem die Rückkehr in den Beruf, was die Arbeitsmarktintegration für viele zu einer großen Herausforderung macht. Die Arbeitsagentur ergänzt, dass alle Bürgergeldbeziehenden verpflichtet sind, jede zumutbare Arbeit anzunehmen, dazu gehören auch Minijobs oder „Ein-Euro-Jobs“, es sei denn, es liegt ein wichtiger Grund für die Ablehnung vor.
Stigmatisierung und soziale Inklusion
Die Ergebnisse der Studie plädieren für eine sachliche und empirisch fundierte Debatte über Erwerbslosigkeit. Es wird aufgezeigt, dass eine verfestigte Sichtweise auf Arbeitswilligkeit als Stigma wirken kann, die oftmals von sozialen Risiken und strukturellen Ursachen ablenkt. Anhand zahlreicher Studien wird unterstrichen, dass Arbeitslosigkeit nicht nur ökonomische, sondern auch gesundheitliche und soziale Folgen hat. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt dies als die „Zone der prekären Inklusion“, die unsichere Beschäftigungsverhältnisse und Phasen der Arbeitslosigkeit umfasst.
Die traditionelle Vorstellung, dass Erwerbsarbeit die Hauptquelle für wirtschaftliche Teilhabe ist, wird von vielen Expert:innen in Frage gestellt. Arbeit trägt nicht nur zur finanziellen Sicherheit bei; sie hat auch starke Inklusionswirkungen, die über monetäre Aspekte hinausgehen und soziale Strukturen sowie Beziehungen fördern. Der Verlust von Arbeit wird häufig mit einem Verlust an sozialen Kontakten, Orientierung und Selbstwertgefühl sowie gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht. Umso wichtiger ist es, alternative Wege zur sozialen Teilhabe zu finden.
Die auf den 26. Februar 2026 datierte Präsentation der Studienergebnisse im Forum am Domshof der Universität Bremen soll der Öffentlichkeit die Bedeutung einer differenzierten Diskussion nahebringen. Die Studie wird zudem in den Vierteljahresheften zur Arbeits- und Wirtschaftsforschung veröffentlicht und wird voraussichtlich die Debatte um soziale Sicherheit und Arbeitsintegration anstoßen.