Am 27. März 2026 wurde an der Freien Universität Berlin eine neue Forschungsgruppe mit dem Titel „Energien der Vernetzung. Akteure, Räume und Narrative in Osteuropa“ ins Leben gerufen. Diese Forschungsgruppe wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit etwa 3,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von vier Jahren gefördert. Unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Strätling, einer anerkannten Literaturwissenschaftlerin und Expertin für Kultur- und Wissensgeschichte von Energie in Osteuropa, zielt das Projekt darauf ab, die komplexe Energiegeschichte Osteuropas umfassend zu untersuchen.
Die Forschungsgruppe wird die vielschichtigen sozialen, politischen und kulturellen Dynamiken der Energieproduktion und -nutzung im Fokus haben. Beginnend im Sommer 2026, wird das Team aus Fachleuten verschiedener Disziplinen, darunter Literatur-, Kultur- und Politikwissenschaft, Ökonomie, Soziologie und Geschichte, zusammenarbeiten, um die Rolle von Energie als zentralen Faktor gesellschaftlicher Prozesse zu erforschen. Entscheidende Aushandlungsprozesse in Bezug auf die Gewinnung, den Transport und die Nutzung von Energie stehen im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Analysen.
Forschungsperspektiven und Ziele
Ein zentraler Aspekt der Forschungsgruppe ist die Untersuchung der Auswirkungen von Ressourcifizierung auf räumliche Ordnungen sowie die Rolle sowohl menschlicher als auch nicht-menschlicher Akteure in Energieumwelten. Darüber hinaus wird analysiert, welche Narrative zur gesellschaftlichen Verhandlung von Energieherausforderungen beitragen. Insbesondere wird das Potenzial der Region Osteuropa als bedeutender Produktions- und Transferraum für den globalen Energiemarkt beleuchtet, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Ressourcenkonflikte, wie sie im Zuge des Ukraine-Kriegs deutlich geworden sind. Ziel ist es, einen neuen Forschungsbereich der Energy Humanities East zu etablieren.
Dabei wird die Region Osteuropa nicht nur als „Energiebrücke“ betrachtet, sondern auch als ein geografischer und kultureller Raum, in dem historisch gewachsene Abhängigkeiten zu beobachten sind. Historische Zusammenhänge mit der politischen Macht werden durch die Linse der Energie betrachtet, was grundlegende Einblicke in die Mechanismen von Herrschaft und Machtverhältnissen erlaubt.
Energie und Macht in der Sowjetunion
Energie spielte eine entscheidende Rolle in der Sowjetunion, wo ein energiepolitischer Imperativ eng mit Machtbestrebungen verknüpft war. Lenin formulierte 1920, dass der Kommunismus die „Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ sei, was die Ambitionen der Sowjetunion zur Modernisierung unterstrich. Diese Modernisierung war nicht nur technologisch, sondern auch politisch motiviert, um die Herrschaft im Inland zu festigen und den Einfluss auf internationaler Ebene zu steigern.
In den 1960er Jahren führte die Entdeckung neuer Erdöl- und Gasfelder in Westsibirien zu einem Energieüberfluss, der das Land in die Lage versetzte, seine fossilen Energieträger über Pipelines nach Ost- und Westeuropa zu exportieren. Diese Pipelines, wie „Bratstvo“, „Sojuz“ und „Družba“, wurden als „Energiebrücken“ beworben und verstärkten die Abhängigkeit Europas von sowjetischem Öl und Gas. Zu Beginn der 1980er Jahre machten Energieexporte beeindruckende 80 % der sowjetischen Einnahmen in harter Währung aus. Der Zugang zu Petrodollars ermöglichte es der Sowjetunion, westliche Technologien zu erhalten, führte jedoch auch zu einer wachsenden Abhängigkeit von Rohstoffpreisen.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb der Energiesektor die wichtigste Ressource Russlands. Ab 2003 stiegen die Energiepreise exponentiell und stärkten Russlands Stellung als „Energiesupermacht“. Energie und Macht sind in der Geschichte der Sowjetunion und des modernen Russlands stets eng miteinander verwoben. Kulturelle Kontexte beeinflussen nicht nur, wie Staaten energetische Ressourcen nutzen, sondern auch, wie sie ihre politischen Ziele verfolgen.
Diese historische und kulturelle Analyse ist Teil des Forschungsvorhabens der neuen Gruppe, das den energetischen Entwicklungsweg der Sowjetunion und Russlands weiter beleuchten möchte. Dabei sollen verschiedene Themen, wie die Bedeutung von Öl in der frühen Sowjetzeit, die Erdölkampagne unter Stalin oder die Rolle fossiler Energieträger im modernen Russland, untersucht werden, um tiefere Einblicke in die komplexen Zusammenhänge von Energie und Macht zu erhalten.
Insgesamt wird diese Forschungsgruppe eine bedeutende Rolle in der akademischen Auseinandersetzung mit den Energiedynamiken Osteuropas spielen, indem sie deren Geschichte und deren Einfluss auf gegenwärtige gesellschaftliche Konstellationen kritisch analysiert und neue Perspektiven eröffnet.



