
Die Goethe-Universität Frankfurt hat einen bedeutenden Schritt in der Forschung von Machtstrukturen innerhalb der römisch-katholischen Kirche unternommen. Kurz vor dem Jahreswechsel hat die Universität eine neue DFG-Forschungsgruppe mit dem Titel „Macht und Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche“ gegründet. Die Initiative zielt darauf ab, Konstellationen zu untersuchen, die Missbrauch begünstigen, und Lösungsansätze zu entwickeln, um zukünftigen Missbrauch zu verhindern. Dies geschieht vor dem Hintergrund der erschütternden Missbrauchsfälle, die seit 2010 in Deutschland ans Licht gekommen sind, und unterstreicht die Dringlichkeit dieser Thematik.
Die Forschungsgruppe ist nicht nur interdisziplinär angelegt, sondern vereint auch eine Vielzahl von Fachrichtungen. Zu den Expertinnen und Experten zählen Theologen, Religionswissenschaftler, Religionsphilosophen, Rechtswissenschaftler und Erziehungswissenschaftler. Die Goethe-Universität betont, dass die Gruppe in drei Cluster unterteilt ist: die Bedingungen der Verletzlichkeit von Personen und Systemen, die Machtstrukturen in Institutionen sowie die theologische Konstitution von Machtungleichgewichten und Machtmissbrauch. Dies zeigt die umfassende Herangehensweise an die Thematik.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Unter der Leitung von Prof. Anja Middelbeck-Varwick wird die Forschungsgruppe für zunächst vier Jahre gefördert, mit der Möglichkeit einer Verlängerung um weitere vier Jahre. Zu den weiteren beteiligten Forschenden gehören auch Prof. Sabine Andresen, Prof. Ute Sacksofsky und Christoph Mandry. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur innerhalb der Kirche nutzbar zu machen, sondern auch auf andere gesellschaftliche Bereiche zu übertragen, um Missbrauch effektiv zu bekämpfen.
Die Dringlichkeit der Forschung wird zudem durch den Forschungsbericht „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ unterstrichen. Dieser Bericht, der 2018 im Rahmen der MHG-Studie veröffentlicht wurde, beleuchtet die Dimensionen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Kleriker und identifiziert missbrauchsbegünstigende Faktoren des römisch-katholischen Kirchensystems. Freiburg hebt hervor, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung des Machtmissbrauchs innerhalb der Kirche eine bleibende Aufgabe für dietheologische Forschung darstellt.
Fortsetzung bestehender Forschungsinitiatieven
Zusätzlich zur neuen Forschungsgruppe wird auch die Kolleg-Forschungsgruppe „Polyzentrik und Pluralität vormoderner Christentümer“ an der Goethe-Universität fortgeführt. Diese Gruppe widmet sich den vielfältigen Strömungen des Christentums bis ins 18. Jahrhundert. Sie nutzt den Begriff „Christentümer“, um die dynamische Entwicklung von Gemeinschaften zu beschreiben, die sich auf Jesus Christus beziehen.
In der ersten Förderphase dieser Gruppe wurden bereits mehrere Publikationen herausgegeben. Besonders hervorgehoben sei die Integration geflüchteter Historiker aus der Ukraine im Jahr 2022, die zur Diversifikation und Bereicherung der wissenschaftlichen Diskussion beitragen. In der zweiten Förderperiode ist die Erstellung eines dreibändigen Kompendiums zu Glaubens- und Lebenspraktiken geplant. Die Leitung obliegt Prof. Birgit Emich, während Prof. Hartmut Leppin als zweiter Antragsteller hinzukommt. Die DFG fördert solche interdisziplinären Forschungsgruppen, um die internationale Zusammenarbeit von Wissenschaftlern zu stärken.
Insgesamt zeigt die Gründung der neuen Forschungsgruppe und die Fortführung bestehender Initiativen, dass die Goethe-Universität sich aktiv den drängenden Herausforderungen in der Aufarbeitung von Machtmissbrauch in der römisch-katholischen Kirche stellt. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit sollen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen, sondern auch konkrete Maßnahmen zur Verhinderung von Missbrauch erarbeitet werden.