Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Professor Tobias M. Böckers hat eine Förderzusage von bis zu 1,7 Millionen Euro erhalten. Das Ziel dieser Initiative ist die Entwicklung einer Therapie für das Phelan-McDermid-Syndrom (PMS), eine seltene genetisch bedingte neuronale Entwicklungsstörung. Dieses Syndrom führt zu einer genetisch diagnostizierbaren Form von Autismus und ist durch Beeinträchtigungen in Sprache, Verhalten und Alltagsfunktionen gekennzeichnet.
Das Forschungsteam hat sich auf das Gen SHANK3 konzentriert, dessen Funktionsverlust eng mit den Symptomen von PMS verbunden ist. Der Projektname lautet “A Therapeutic for Shank3-related Autism (PMS)”, und die Forschung wird von der gemeinnützigen Organisation SPARK NS unterstützt. Diese Organisation fördert die Arzneimittelentwicklung im Bereich Autismus und Parkinson und hat im Rahmen ihres Translational Research Program aktuell 22 Projekte in den USA, Großbritannien und Europa mit einem Fördervolumen von bis zu 44 Millionen US-Dollar.
Forschungsmethodik und Zielsetzung
Im Rahmen des Projekts werden Antisense-Oligonukleotide entwickelt und getestet, die darauf abzielen, die Bildung des SHANK3-Proteins zu erhöhen. Die Wirkstoffe wurden durch ein systematisches Suchverfahren identifiziert. Inpatientenabgeleiteten Zellmodellen sowie präklinischen Modellen werden diese Moleküle validiert, um eine Grundlage für die erste klinische Prüfung zu schaffen.
Ein zentraler Bestandteil der Forschung sind Biomarker-Messungen in Blut und Liquor. Diese Messungen dienen der frühzeitigen Beurteilung der Behandlungseffekte. Die Zusammenarbeit mit Forschenden aus Mailand und Ulm zeigt einen interdisziplinären Ansatz zur Bekämpfung dieser komplexen Erkrankung.
Klinische Merkmale des Phelan-McDermid-Syndroms
Das Phelan-McDermid-Syndrom ist durch zahlreiche klinische Merkmale gekennzeichnet. Über 600 Personen mit pathogenen genetischen Veränderungen im SHANK3-Gen wurden bislang identifiziert. Die Merkmale sind in zwei Kategorien unterteilt: mit und ohne SHANK3-Deletionen. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
| Merkmal | Häufigkeit |
|---|---|
| Entwicklungsverzögerung/intellektuelle Behinderung | 98% |
| Schlafstörungen | bis zu 90% |
| Abnormale Sprache | 87% |
| Verhaltensunterschiede | 81% |
| Neonatale Hypotonie | 75% |
| Ataxie/abnorme Gangart | 69% |
Statistiken zeigen, dass bis zu 60 % der Betroffenen Merkmale einer Autismus-Spektrum-Störung aufweisen. Darüber hinaus berichten 50-75 % der Betroffenen von schweren neuropsychiatrischen Erkrankungen in der Jugend. Die Behandlung und Unterstützung dieser Patienten ist eine komplexe Herausforderung, die fortwährend wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfordert.
COVID-19-Risiken und Empfehlungen
Zusätzliche Herausforderungen stellen sich für Personen mit Phelan-McDermid-Syndrom während der COVID-19-Pandemie. Laut der PMD Gesellschaft e.V. zählen Patienten zu einer Risikogruppe für schwere Verläufe. Insbesondere Kinder mit PMS, die auch zusätzliche Erkrankungen aufweisen, haben möglicherweise ein erhöhtes Risiko für einen komplizierten Verlauf von COVID-19.
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt eine Impfung für Menschen mit neurologischen Erkrankungen ab dem 6. Lebensmonat. Die Art des Impfstoffs und die Dosis sollten in Absprache mit dem behandelnden Arzt festgelegt werden.
Die Fortschritte in der Forschung zum Phelan-McDermid-Syndrom sind ein Lichtblick für die Betroffenen und deren Familien. Die bevorstehenden Entwicklungen im Bereich der Therapie können eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität für viele Menschen mit dieser Erkrankung bedeuten.