Die Universität Witten/Herdecke (UW/H) hat einen bedeutenden Fortschritt im Bereich der psychischen Gesundheit von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung erzielt. Sie veröffentlichte die deutsche Übersetzung des „Diagnostic Manual – Intellectual Disability, Second Edition“ (DM-ID-2). Diese Übersetzung ist ein wichtiger Schritt, um psychische Störungen in dieser vulnerablen Gruppe von Patienten besser zu diagnostizieren und zu behandeln. Studien belegen, dass Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung ein signifikant erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen haben. Oft bleiben diese jedoch unerkannt, was häufig auf eine verspätete oder fehlende Diagnosestellung zurückzuführen ist, wie uni-wh.de berichtet.

Das DM-ID-2 bietet nun einen international etablierten Standard für die Diagnostik von psychischen Störungen bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung. In Deutschland wird bislang überwiegend nach den Diagnosesystemen ICD-10 (bald ICD-11) und DSM-5 diagnostiziert, die jedoch primär für Personen ohne intellektuelle Beeinträchtigung konzipiert sind. Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass Symptome der psychischen Störungen wie etwa reizbare Stimmungen bei Depressionen sich bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung anders äußern können. Eingeschränkte sprachliche Ausdrucksfähigkeit und Selbstreflexion erschweren die Diagnosestellung zusätzlich.

Diagnostische Herausforderungen

Ein Phänomen, das oft zu Schwierigkeiten bei der Diagnostik führt, ist das sogenannte „Diagnostic Overshadowing“. Dabei wird auffälliges Verhalten häufig als Ausdruck der intellektuellen Beeinträchtigung interpretiert, was eine korrekte Diagnosestellung von psychischen Erkrankungen verhindert. Fachkräfte sehen sich ebenfalls mit Barrieren konfrontiert, wenn es um den Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung für diese Personengruppe geht. Viele Behandelnde geben an, sich unzureichend vorbereitet zu fühlen oder lehnen Anfragen ab, wodurch eine adäquate Behandlung oft nicht zustande kommt.

Die Adaption der DSM-5-Diagnosekriterien durch das DM-ID-2 berücksichtigt darüber hinaus den Schweregrad der intellektuellen Beeinträchtigung. Ein ergänzender Interviewleitfaden, der derzeit an der UW/H entwickelt wird, soll die Anwendung des Manuals unterstützen und den Diagnostikprozess weiter verbessern. Die Veröffentlichung des DM-ID-2 ist Teil eines umfassenden Lehr- und Forschungsschwerpunkts an der UW/H zur Psychotherapie und psychischen Störungen bei Menschen mit Beeinträchtigung.

Initiativen zur Verbesserung der Versorgung

Im Zentrum für Psychische Gesundheit und Psychotherapie (ZPP) der UW/H stehen Therapieplätze für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zur Verfügung. Ein Handbuch zur Behandlung von psychischen Erkrankungen in dieser Gruppe wird im Sommer 2026 veröffentlicht, um die Behandlungsstandards weiter zu erhöhen. Die Fakultät hoffen, mit der Veröffentlichung des DM-ID-2 Fachkräften zu helfen, psychische Störungen differenzierter zu erkennen und bestehende Versorgungsdefizite abzubauen.

Insgesamt zeigt die Einführung des DM-ID-2 das Engagement der Universität Witten/Herdecke, die psychische Gesundheit von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung zu verbessern und die Herausforderungen bei der Diagnosestellung und Behandlung dieser besonders schützenswerten Gruppe anzugehen. Der neue diagnostische Standard könnte dazu beitragen, psychische Erkrankungen frühzeitiger zu erkennen und die Lebensqualität der Betroffenen zu steigern.