In der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Oldenburg wird intensiv an den Herausforderungen geforscht, die mit der Frühgeburtlichkeit einhergehen. Am 23. Februar 2026 erläuterte Prof. Dr. Axel Heep, Direktor der Klinik, die enormen Folgen, die Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt auf die Hirnfunktionen von Kindern haben können. Für Eltern stellt eine Frühgeburt oft ein traumatisches Erlebnis dar, das mit enormen Sorgen um das Überleben und mögliche bleibende Schäden des Kindes verbunden ist. Heep legt den Fokus seiner Forschung auf die frühkindliche Hirnentwicklung, die in den ersten 1.000 Tagen des Lebens von entscheidender Bedeutung ist.
Die ersten Jahre sind kritisch für die Entwicklung. Nervenzellen entwickeln sich und vernetzen sich im Gehirn. Heep untersucht dabei, welche Einflüsse eine nahezu unverzichtbare Rolle in diesem Prozess spielen. Unterstützt wird er von einem interdisziplinären Team, zu dem auch Prof. Dr. Anja Bräuer gehört, die die molekularen Grundlagen der Hirnentwicklung untersucht. Diese beginnt bereits in der dritten Schwangerschaftswoche, wenn sich das Neuralrohr zu Rückenmark und Gehirn entwickelt. Nervenzellen wandern dann an spezifische Positionen, wo sie entscheidende Netzwerke bilden.
Forschung zur Zellmigration und Hirnentwicklung
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Forschung wird durch Dr. Nicola Brandt und Doktorandin Marie Koop adressiert, die sich mit der Zellmigration im Kortex befassen. Fehler während dieses Prozesses können nicht nur zu Hirnschäden führen, sondern auch langanhaltende kognitive Beeinträchtigungen hervorrufen. Eine der Schlüsselrollen spielt dabei die Lysophosphatidsäure (LPA) und ihre regulierenden Proteine, die von den beiden Wissenschaftlerinnen in Mäuseembryonen manipuliert wurden, um die Zellmigration zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigten, dass die manipulierten Nervenzellen nicht die vorgesehenen Hirnschichten erreichen konnten, was auf mögliche Störungen in der Hirnentwicklung hinweist.
Zusätzlich untersucht Bräuers Gruppe die Entwicklung von Dendriten, die für die Vernetzung von Nervenzellen entscheidend sind. Ein zentrales Element dabei sind die PRG5-Proteine, die für die Entwicklung und Vernetzung von Nervenzellen unerlässlich erscheinen. Prof. Dr. Andrea Hildebrandt analysiert die kognitiven Besonderheiten von Frühgeborenen, insbesondere im Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Sie berichtet von langfristigen Studien, die zeigen, dass Frühgeborene häufig Schwierigkeiten mit der Selbstregulation im Erwachsenenalter haben.
Diagnosesysteme und Screening
Die Diagnose einer Frühgeburt basiert auf der Einschätzung des Gestationsalters, welches durch Zählen der Wochen zwischen dem ersten Tag der letzten Menstruation und dem Entbindungstag bestimmt wird. Unregelmäßige Menstruationszyklen können diese Bestimmung jedoch erschweren. In solchen Fällen helfen modernste Technologien wie Ultraschalluntersuchungen zur Anpassung des Schwangerschaftsalters, wenn nötig.
Routineuntersuchungen bei Neugeborenen, insbesondere bei Frühgeborenen, spielen eine essentielle Rolle. Dazu gehören die Pulsoximetrie, Gesamtblutbild, Elektrolyte sowie Untersuchungen auf Frühgeborenen-Retinopathie, ergänzt durch wöchentliche Messungen von Länge und Kopfumfang. Es ist entscheidend, regelmäßig zu überprüfen, ob das Gewicht des Neugeborenen auf den Wachstumskurven liegt. Ort und Zeit dieser Untersuchungen können entscheidend sein, da viele Frühgeborene ein hohes Risiko für gesundheitliche Komplikationen aufweisen, die oft erst verzögert auftreten.
Heep und Hildebrandt arbeiten zudem an der Rekrutierung von Frühgeborenen für Studien zu kognitiven Fähigkeiten. Ein weiteres Ziel ist die Verbesserung der klinischen Forschung, was durch die Einführung eines neuen MRT-Geräts für Frühgeborene in Oldenburg unterstützt wird. Diese Innovation könnte helfen, Risikogeburten besser vorherzusagen, zu verhindern und eine optimale Versorgung zu gewährleisten. Die interdisziplinäre Arbeit an der Universitätsklinik beabsichtigt, Forschungsergebnisse eng mit der Patientenversorgung zu verknüpfen, um den betroffenen Kindern gezielt helfen zu können.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Komplexität der Herausforderungen rund um Frühgeburten nicht nur medizinische Interventionen erfordert, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Grundlagen der Hirnentwicklung und deren langfristige Auswirkungen. Gerade in den ersten 1.000 Tagen eines Kindes sind die Weichen für die Zukunft entscheidend, wie das Team der Universitätsklinik in Oldenburg um Prof. Dr. Heep eindringlich betont.