Aktuelle Berichte verdeutlichen die anhaltenden Herausforderungen im deutschen Arbeitsmarkt, insbesondere im Niedriglohnsektor. Laut einem neuen Report des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen hat sich das Armutsrisiko unter Niedriglohnbeschäftigten seit den 1990er Jahren erheblich verschärft. Dr. Thorsten Kalina stellte fest, dass fast 20 % der abhängig Beschäftigten in Deutschland im Jahr 2023 im Niedriglohnsektor arbeiteten, trotz einer Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro.
Im Detail verdient rund die Hälfte der Niedriglohnbeschäftigten weniger als zwei Drittel des Medianlohns. Dies betrifft etwa 7,2 Millionen Menschen. Die Armutsgefährdung ist alarmierend: Laut den Erhebungen galten 22,6 % der Niedriglohnbeschäftigten im Jahr 2022 als armutsgefährdet – im Vergleich zu nur 7,3 % unter allen abhängig Beschäftigten. Besonders betroffen sind Alleinlebende und Haushalte mit ausschließlich Teilzeitbeschäftigung.
Der Niedriglohnsektor im Detail
Die Analyse zeigt eindrücklich, dass die Struktur der Niedriglohnbeschäftigten vielfältig ist. Fast 80 % der Minijobber verdienen unterhalb der definierten Niedriglohnschwelle. Auch junge Menschen unter 25 Jahren, Geringqualifizierte und befristet Beschäftigte kämpfen mit besonders hohen Niedriglohnanteilen von 43,5 %, 41,9 % und 37,2 % respectively. Zudem sind Frauen mit einem Anteil von 23,5 % und ausländische Beschäftigte mit 28,4 % klar überrepräsentiert.
Die Definition von Niedriglöhnen selbst ist komplex und umstritten. Gemäß der Bundeszentrale für politische Bildung wird Niedriglohn definiert, wenn der Bruttostundenverdienst einen bestimmten Schwellenwert in Prozent des Durchschnittsverdienstes unterschreitet. In Deutschland lag dieser Schwellenwert im Jahr 2020 bei 12,07 Euro. Die Forschung zeigt, dass unterschiedliche Berechnungsverfahren und Annahmen über die Arbeitszeitdauer zu variierenden Ergebnissen über die Größe des Niedriglohnsektors führen können.
Obwohl der gesetzliche Mindestlohn in den letzten Jahren positive Auswirkungen auf den Niedriglohnsektor hatte, sind die absoluten Beschäftigtenzahlen im Niedriglohnbereich gestiegen. Im April 2025 zählten rund 6,3 Millionen Jobs zum Niedriglohnsektor in Deutschland. Dies entspricht einer Niedriglohnquote von 16 %, die im Vergleich zum Vorjahr stabil blieb, jedoch in den letzten zehn Jahren einen Rückgang von 21 % aufwies.
Ursachen und soziale Implikationen
Die Entwicklung im Niedriglohnsektor wird durch mehrere Faktoren beeinflusst. Dazu zählen die Ausweitung des Dienstleistungssektors, eine sinkende Durchsetzungsmacht von Gewerkschaften sowie die Erosion der Tarifbindung. Die Hartz-Reformen zwischen 2002 und 2007 hatten zusätzlich zur Erosion von Löhnen und Bedingungen beigetragen, was viele in prekäre Arbeitsverhältnisse drängte.
Trotz der positiven Entwicklung des Mindestlohns bleibt der Verdienstabstand weiterhin hoch. Im Jahr 2025 verdienten die Besserverdienenden im oberen 10 % durchschnittlich 39,65 Euro pro Stunde, während Geringverdienende im unteren 10 % lediglich 13,46 Euro pro Stunde erhielten. Zudem zeigt sich ein Anstieg des Medianverdienstes von 20,68 Euro auf 21,48 Euro innerhalb eines Jahres, was darauf hindeutet, dass die Lohnspreizung in Deutschland zwar moderat zunimmt, jedoch die soziale Ungleichheit insgesamt bestehen bleibt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Deutschland weiterhin mit den Herausforderungen des Niedriglohnsektors kämpft. Reformen sind nötig, um das Armutsrisiko zu verringern und die Arbeitsbedingungen für viele Beschäftigte zu verbessern, die trotz ihrer Arbeit in prekären Verhältnissen leben müssen. Der Report von Destatis und anderen Instanzen bietet dabei wertvolle Anhaltspunkte für künftige politische Entscheidungen.