Rassismus im Gesundheitswesen ist ein weit verbreitetes Problem, wie eine umfassende Analyse von 800 Online-Berichten zeigt. Forschende der Universität Witten/Herdecke haben diese Untersuchung im Rahmen des Projekts „Rassismus im Gesundheitswesen“ (RiGeV) durchgeführt. Die Analyse umfasste Berichte von Plattformen wie jameda.de und klinikbewertungen.de sowie sozialen Medien wie YouTube und TikTok. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Diskriminierungserfahrungen aufgrund von Sprache und Herkunft häufig vorkommen und oft zu Missverständnissen bei Beschwerden führen. Die emotionalen Schilderungen der Betroffenen waren trotz der geringeren Anzahl im Vergleich zu anderen Gesundheitsthemen bemerkenswert.
Besonders häufig berichten Betroffene von rassistischen Stereotypen, die die Behandlungsentscheidungen beeinflussen. Fehlende kulturelle Sensibilität im Umgang mit Patient:innen verstärkt das Misstrauen in das Gesundheitssystem, das sich aus zahlreichen Diskriminierungserfahrungen speist. Dr. Tuğba Aksakal, eine der leitenden Forschenden, hebt hervor, dass die Berichte eine detaillierte Schilderung der Erfahrungen der Patient:innen beinhalten.
Strukturelle Probleme im Gesundheitswesen
Die Ursachen für Diskriminierung im Gesundheitswesen sind oft sowohl institutioneller als auch struktureller Natur. Mangelnde Dolmetschangebote, einseitige Informationsmaterialien in deutscher Sprache und die unzureichende Berücksichtigung kultureller Unterschiede im medizinischen Alltag sind zentrale Probleme. In vielen Fällen sind die Formulare und Aufklärungsbögen ausschließlich in deutscher Sprache erhältlich, was den Zugang zur Gesundheitsversorgung für Migrant:innen und Menschen mit nicht-deutscher Herkunft erschwert. Die WHO hat bereits gefordert, dass Gesundheitssysteme den Zugang für alle Migrant:innen unabhängig vom Aufenthaltsstatus gewährleisten.
Eine weitere Befragung des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) aus dem Jahr 2023 bestätigt die Ergebnisse der Universitätsstudie. Über zwei Drittel der Befragten, die in den letzten zwei Jahren Kontakt zum Gesundheitswesen hatten, berichteten von Diskriminierung. Besonders häufig gaben 74,4 Prozent an, aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert worden zu sein. Diese Diskriminierung führte nicht nur zu einem Vertrauensverlust in das Gesundheitswesen, sondern auch häufig zu einem Arztwechsel, der besonders unter muslimischen und asiatischen Frauen ausgeprägt ist.
Empfehlungen gegen Diskriminierung
Die Forscher:innen empfehlen verschiedene Maßnahmen, um Rassismus im Gesundheitswesen zu bekämpfen. Dazu gehören verpflichtende Trainings zu interkultureller Kompetenz für Fachkräfte im Gesundheitswesen, die Etablierung transparenter Antidiskriminierungsrichtlinien und die Förderung von Diversität in Führungspositionen. Besonders wichtig ist es, dass die Empfehlungen an Leitungskräfte und Verantwortliche in stationären Gesundheitseinrichtungen gerichtet sind, um konkrete Veränderungen zu initiieren.
Die direkte Erfahrung von Diskriminierung kann dramatische Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen haben. Über 60 Prozent der Befragten im Afrozensus erklärten, dass ihre Rassismuserfahrungen in der Therapie nicht ernst genommen wurden. Der Begriff „Morbus Bosporus“ ist ein Beispiel für eine Scheindiagnose, die zu falschen Behandlungen führt. In vielen Fällen fühlen sich insbesondere Frauen, vor allem Schwarze und muslimische sowie asiatische Frauen, mehrfach benachteiligt, was sich auch auf ihre Gesundheitszustände auswirkt.
Zukünftige Initiativen
Als Antwort auf die dringenden Probleme im Gesundheitswesen wird am 27. März 2026 ein Treffen zur Selbstermächtigung stattfinden. Dieser interaktive Raum soll Personen, die Erfahrungen mit Rassismus im Gesundheitswesen gemacht haben, die Möglichkeit bieten, sich zu vernetzen und individuelle Handlungsoptionen zu entwickeln. Eingeladen sind alle, die sich mit den Themen identifizieren und aktiv an der Verbesserung der Situation arbeiten möchten. Veranstaltet wird das Treffen von einer Antidiskriminierungs- und Awareness-Trainerin, die selbst von Rassismus betroffen ist.
Die detailreiche Untersuchung und die Initiativen zur Bekämpfung von Rassismus im Gesundheitswesen sind entscheidende Schritte zur Schaffung eines gerechteren und sensibleren Gesundheitssystems in Deutschland. Weitere Informationen sind online verfügbar, unter anderem auf den Webseiten der Universität Witten/Herdecke, des Mediendienstes Integration sowie der Stiftung gegen Rassismus.