Erwachsene, die unter Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, sehen sich oft erheblichen Herausforderungen gegenüber. Laut der Universität des Saarlandes haben sie häufig Schwierigkeiten mit der Konzentration und mit der Strukturierung ihres Alltags. Dies kann zu einer Vielzahl von Problemen im beruflichen und sozialen Umfeld führen. Die Versorgungssituation für Betroffene ist angespannt, denn Therapieplätze sind rar und sie bleiben häufig unerkannt oder unzureichend behandelt. In Deutschland schätzt man, dass rund zwei Millionen Erwachsene von ADHS betroffen sind, wobei die Zahl der Erstdiagnosen sich seit 2015 verdreifacht hat. Diese alarmierenden Entwicklungen machen neue therapeutische Ansätze dringend erforderlich.
Eine vielversprechende Lösung könnte die digitale Anwendung Attexis sein, die in einer kürzlich veröffentlichten Studie in der Fachzeitschrift „Psychological Medicine“ als erfolgreich bewertet wurde. Die Untersuchung, geleitet von Roberto D’Amelio und einem Team an der Universität des Saarlandes, umfasst 337 Erwachsene und zeigt signifikante Verbesserungen der ADHS-Symptome, die mit den Effekten einer Verhaltenstherapie vergleichbar sind. Die App, die seit August 2023 von gesetzlichen Krankenkassen nach Rezept finanziert wird, baut auf einem verhaltenstherapeutischen Gesprächsformat auf und vermittelt den Nutzern praktische Strategien zur Bewältigung von schwierigen Situationen.
Die Wirksamkeit von Attexis
Attexis bietet eine strukturierte Herangehensweise zur Regulation unerwünschter Verhaltensweisen und zur Stärkung des Selbstwertgefühls mittels achtsamkeitsbasierter Techniken. Die Ergebnisse der Studie belegen nicht nur eine signifikante Verbesserung der Symptome, sondern auch eine Verringerung depressiver Symptome und eine gesteigerte Lebensqualität der Teilnehmer. Die digitale Therapie ist nicht als Ersatz für klassische Therapieformen gedacht, sondern soll diese ergänzen und helfen, Versorgungslücken zu schließen sowie die Wartezeiten auf Therapieplätze zu überbrücken.
Die wissenschaftliche Planung und Umsetzung der Studie erfolgte in Zusammenarbeit mit der ADHS-Forschungsambulanz am Universitätsklinikum des Saarlandes, unterstützt von Professorin Petra Retz-Junginger und Professor Wolfgang Retz als klinischem Supervisor. Neben der Universität des Saarlandes waren auch Wissenschaftler aus Universitätskliniken in Mainz und Bonn sowie Universitäten in Lübeck und Kiel an der Studie beteiligt. Die didaktische und technische Umsetzung der App wurde von der Firma Gaia in Hamburg durchgeführt.
Multimodale Therapieansätze
Die Behandlung von ADHS ist in der Regel multimodal und umfasst eine Kombination aus Medikamenten, Psychoedukation und Psychotherapie. Die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen hängt von der Schwere der Symptome und den Wünschen des Patienten ab. Experten empfehlen, dass die Therapie ambulant von einem auf ADHS spezialisierten Fachmann, wie einem Psychologen oder Psychiater, durchgeführt wird. Ziel ist es, die Symptome zu verringern und die Lebensqualität der Patienten zu steigern.
Besonders wichtig für eine erfolgreiche Behandlung ist die aktive Mitarbeit des Patienten. Bei leichter bis mittelschwerer Symptomatik können in der Regel sowohl Medikamente als auch Psychotherapie eingesetzt werden, wobei die Präferenzen des Patienten berücksichtigt werden. In leichteren Fällen kommen auch Psychoedukation und Psychotherapie ohne den Einsatz von Medikamenten in Betracht.
Für Erwachsene, die den Übergang von der Jugend- zur Erwachsenenbehandlung vollziehen, ist es entscheidend, sich frühzeitig einen neuen Behandler für Erwachsene zu suchen, wenn weiterhin behandlungsbedürftige Symptome bestehen. Psychoedukation spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie den Patienten über das Störungsbild, die Entstehung und die Behandlungsmöglichkeiten aufklärt und ihnen hilft, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen. Diese Kombination aus digitaler und herkömmlicher Therapie könnte entscheidend dazu beitragen, die Versorgungslücken in der Behandlung von ADHS zu schließen und Betroffenen ein besseres Leben zu ermöglichen.
Insgesamt zeigen die neuesten Entwicklungen und Studienergebnisse vielversprechende Ansätze, um die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen zu verbessern. Die digitale Anwendung Attexis und die multimodalen Therapieansätze bieten neue Hoffnung für viele Betroffene und könnten dazu beitragen, die Lebensqualität erheblich zu steigern. Weitere Informationen zu ADHS bei Erwachsenen sind auf therapie.de zu finden, während die akademische Forschung kontinuierlich voranschreitet, um das Verständnis und die Behandlung dieser Erkrankung zu vertiefen, wie uni-saarland.de berichtet.