Eine internationale Studie, an der Forschende der Universität Greifswald beteiligt sind, beleuchtet die Emotion Scham aus einem neuen Blickwinkel. Die Untersuchung mit dem Titel „Cross-cultural evidence that shame is a defense against reputational damage“ wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) veröffentlicht. Die Forschungsarbeit betrachtet Scham als evolutionären Schutzmechanismus, der nicht nur die soziale Reputation der Individuen schützt, sondern auch Verhalten reguliert.
Im Rahmen der Studie wurden Probanden aus sechs verschiedenen Ländern – den USA, den Niederlanden, Portugal, Spanien, Japan und China – analysiert. Die Teilnehmenden bewerteten ihre Schamempfindungen, nachdem sie Szenarien über persönliche Misserfolge gelesen hatten. Besonders ausgeprägt war das Gefühl der Scham in Situationen, in denen schwerwiegende Fehler in gesellschaftlich hoch geschätzten Fähigkeiten, wie Intelligenz oder Kommunikationsfähigkeit, öffentlich sichtbar wurden.
Scham als psychologisches Warnsystem
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Scham nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern auch ein psychologisches Warnsystem ist. Es reagiert auf Bedrohungen des sozialen Rufs und hilft, potenziell schädliches Verhalten zu vermeiden. Diese Erkenntnisse legen nahe, dass Scham eine bedeutende Rolle bei der Wiederherstellung des sozialen Status spielt. Trotz kultureller Unterschiede in den bewerteten Ländern reagierten die Menschen ähnlich auf die Schwere des Fehlers und dessen öffentliche Sichtbarkeit.
Zusätzlich wird in der wissenschaftlichen Diskussion hervorgehoben, dass Scham ein zentrales Thema der Emotionspsychologie darstellt, jedoch bisher weniger erforscht wurde als andere Emotionen. Die Journal für Psychologie beschreibt, dass kognitive Bewertungen und Selbstbezug prägende Elemente der Scham sind. Diese Emotion tritt meist dann auf, wenn Individuen sich selbst oder ihre Handlungen negativ bewerten.
Soziale und kulturelle Dimensionen von Scham
Scham hat auch moralische Aspekte, die Menschen dazu anregen können, gut zu handeln, weist jedoch eine „dunkle Seite“ auf, wenn Individuen unveränderbaren Situationen ausgesetzt sind. Die Auslöser für Scham sind vielfältig und können sowohl körperliche als auch soziale Aspekte umfassen. Häufig wird Scham durch den Blick anderer ausgelöst und als Gefühl der Bloßstellung beschrieben.
Die Forschung betont die Notwendigkeit, Scham in verschiedenen sozialen und kulturellen Kontexten zu untersuchen. Beiträge zu diesem Thema, die sich mit Aspekten wie sozialer Klasse, Rassismus, Armut und Sexualität auseinandersetzen, finden sich in der aktuellen Ausgabe des Journals für Psychologie. An dieser umfangreichen Analyse haben mehrere Autorinnen und Autoren mitgewirkt, darunter Franz Erhard und Kathrin Gärtner.
Die Studie und die damit verbundenen Diskussionen verdeutlichen, dass Scham nicht nur eine individuelle Emotion ist, sondern ein komplexes Gemisch aus sozialen, kulturellen und psychologischen Faktoren darstellt. Mit der Unterstützung von Institutionen wie der Israel Science Foundation (ISF) und dem japanischen Ministerium für Bildung, Kultur, Sport, Wissenschaft und Technologie (MEXT) wurde eine wichtige Grundlage für zukünftige Forschungen geschaffen.