In der antiken Stadt Athribis, gelegen im Oberägypten, wird ein archäologischer Rekord gebrochen. Über 43.000 beschriftete Tonscherben, auch bekannt als Ostraka, wurden seit 2005 geborgen. Davon stammen mehr als 42.000 Funde aus den letzten 8 Jahren. Dies könnte als der umfangreichste Fund beschrifteter Tonscherben weltweit gelten. Die Grabungen stehen unter der Leitung von Professor Christian Leitz von der Universität Tübingen, in Kooperation mit dem ägyptischen Ministerium für Tourismus und Antike.
Die Ostraka, die als antikes Schreibmaterial dienten, enthalten eine Vielzahl an Inhalten wie Steuerlisten, alltägliche Mitteilungen, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen. Der Schriftumfang reicht von der demotischen Schrift, die die Mehrheit der Beschriftungen darstellt, bis hin zu griechischen Inschriften und figürlichen oder geometrischen Darstellungen. Dies bestätigt die bedeutende Rolle Athribis als Zentrum des Handels und der Verwaltung im alten Ägypten.
Vielfalt und Bedeutung der Funde
Die täglichen Funde, die zwischen 50 und 100 Ostraka liegen, umfassen auch über 130 Horoskope und sind damit der bedeutendste Fundort dieser Textgattung. Die frühesten Texte datieren aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. und die spätesten umfassen arabische Gefäßbeschriftungen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert n. Chr. Für die Wissenschaftler ist die Vielzahl der Schriften bemerkenswert, da sie nicht nur Einblicke in das alltägliche Leben der Menschen bieten, sondern auch in das Bildungssystem jener Zeit. So wurden hunderte Ostraka als Strafarbeiten von Schülern identifiziert, was auf eine antike Schule hindeutet, die in der Region existierte.
Die Tübinger Ägyptologie ist in Athribis seit 2003 aktiv und führt seit 2005 ein 15-jähriges Forschungsprojekt durch, gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Im Rahmen dieses Projekts wurde nicht nur das Tempelareal ausgegraben, das für die Löwengöttin Repit und ihren Gemahl Min errichtet wurde, sondern auch ein weitere Heiligtum westlich des Tempels freigelegt, wo viele der Ostraka gefunden wurden.
Ein internationaler Ansatz und zukünftige Herausforderungen
Die Herausforderungen bei den Grabungen sind nicht unerheblich. Grabungsleiter Marcus Müller berichtete von mehrstöckigen Gebäuden und einem großen Schuttaufkommen. Trotz dieser Schwierigkeiten arbeiten internationale Teams an der Auswertung der Funde. Diese internationale Zusammenarbeit ist entscheidend für die Digitalisierung und Katalogisierung der Ostraka, in der auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Betracht gezogen wird, um die Prozesse zu beschleunigen.
Die Entdeckung dieser Ostraka hat nicht nur das Wissen über die antike Gesellschaft in Athribis erweitert, sondern auch die Bedeutung langfristiger Forschung und internationaler Kooperation in der Archäologie unterstrichen. All diese neuen Erkenntnisse kommen gleichzeitig mit der Öffnung des Tempels für Besucher, der ein wichtiger Bestandteil der kulturellen Erbe Ägyptens ist.
Bei weiteren Fragen stehen Professor Christian Leitz sowie die Pressevertreter der Universität Tübingen für Informationen zur Verfügung. Die Funde aus Athribis, die auch mit Unterstützung von Stiftungen wie der Gerda-Henkel-Stiftung und der Brunner-Stiftung ermöglicht wurden, zeigen, dass noch viele Geheimnisse der antiken Welt darauf warten, entschlüsselt zu werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Grabungen in Athribis nicht nur einer der beeindruckendsten archäologischen Funde der letzten Jahre darstellen, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis der ägyptischen Geschichte und Kultur leisten. Diese Entdeckungen werden sicherlich noch viele Wissenschaftler politisch und kulturell beschäftigen.
Weitere Informationen zu den Funden können bei Universität Tübingen, Archäologie42 und in weiteren Publikationen nachgelesen werden.