Die Freie Universität Berlin hat einen bedeutenden Schritt gemacht, indem sie am Institut für Theaterwissenschaft erstmals eine René Pollesch-Gastprofessur einrichtet. Diese neue Position ehren den renommierten Theatermacher René Pollesch, der am 26. Februar 2024 in Berlin verstarb. Die erste Gastprofessur wird von der Dramatikerin und Regisseurin Sivan Ben Yishai übernommen, deren Werke international viel Beachtung finden. Ihre öffentliche Antrittsvorlesung ist für den 21. April 2026 um 18 Uhr angesetzt, was bereits große Erwartungen in der Theatergemeinschaft weckt.

Die Gastprofessur wurde von der Willms Neuhaus Stiftung – Zufall und Gestaltung ins Leben gerufen und ist mit insgesamt 35.000 Euro dotiert, wovon 30.000 Euro für die Gastprofessur selbst und 5.000 Euro für die Implementation am Institut verwendet werden. Das Ziel der Initiative ist es, den Dialog zwischen der Wissenschaft und der künstlerischen Praxis zu fördern und zu intensivieren. Die Auswahljury bestand aus Experten auf diesem Gebiet: Jan Lazardzig, Anna Heesen, Joy Kristin Kalu, Hans-Jörg Rheinberger und Esther Slevogt.

Sivan Ben Yishai: Karriere und Auszeichnungen

Sivan Ben Yishai, 1978 in Israel geboren und seit 2012 in Berlin ansässig, hat Theaterregie und szenisches Schreiben in Tel Aviv und Jerusalem studiert. Ihre Theaterstücke, die häufig international aufgeführt werden, haben bereits mehrere Kritikerpreise gewonnen. Zu den bekanntesten Auszeichnungen gehört der Mülheimer Dramatikpreis, den sie 2020 für ihr Stück „LIEBE/ Eine argumentative Übung“ und erneut 2022 für „WOUNDS ARE FOREVER (Selbstportrait als Nationaldichterin)“ erhielt. In ihrem Werk beschäftigt sich Ben Yishai tiefgründig mit Themen der palästinensisch-israelisch-deutschen Geschichte.

Ein weiterer ihrer Erfolge war die Einladung zum Berliner Theatertreffen 2022 mit dem Stück „Like Lovers Do (Memoiren der Medusa)“, das in einer Inszenierung der Münchner Kammerspiele großen Anklang fand. Auch 2023 war ihr Werk „Nora. Ein Thriller“ bei der Veranstaltung vertreten, präsentiert in Zusammenarbeit mit Hendrik Ibsen. Ihre Stücke sind durchweg auch in ihrer Originalsprache, dem Englischen, verfügbar und werden von Maren Kames ins Deutsche übersetzt.

Erfolg mit „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“

Besonders hervorzuheben ist Ben Yishais jüngster Triumph, als sie am vergangenen Samstag den Mülheimer Dramatikpreis für ihr Stück „Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert“ gewann. Die Jury lobte das Stück als „knapp, elegant und treffend“ und bewertete es als „großen Anklagetext“. In der modernen Adaption von Henrik Ibsens Klassiker „Nora“ thematisiert Ben Yishai das Aufbegehren von Nebenfiguren, die mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung fordern. Dies gibt dem historischen Text einen frischen, zeitgenössischen Twist und belegt Ben Yishais Talent, neue Perspektiven zu erschließen.

Der Mülheimer Dramatikpreis, einer der wichtigsten Theaterpreise in Deutschland, ist mit 15.000 Euro dotiert und wird im Rahmen der Mülheimer Theatertage verliehen, bei denen der Fokus auf den Texten der Stücke liegt. Die Jury entschied sich mit drei von fünf Stimmen für Ben Yishai, was ihre eindeutige Relevanz und Stärke als Dramatikerin unterstreicht. Ihre Zusammenarbeit mit bekannten Verlagen wie dem Suhrkamp Theater Verlag, der seit 2018 ihr dramatisches Werk vertritt, hat ihren Status in der deutschen Theaterlandschaft weiter gefestigt.

Mit ihrer neuen Gastprofessur an der Freien Universität Berlin wird Sivan Ben Yishai zweifellos einen wertvollen Beitrag zum Austausch zwischen Theorie und Praxis im Theater leisten und die nächste Generation von Theatermachern inspirieren.