Ein neuartiges Forschungsprojekt an der Justus-Liebig-Universität Gießen untersucht die perceptiven Aspekte der suprematistischen Kunst. Unter dem Titel „Being K. Malevich: A hands-on approach to compositional preference“ analysieren Dr. Doris Braun, Mara Hofmann und Prof. Dr. Katja Dörschner, wie der Eindruck von Ruhe, Balance und Dynamik in der Kunst entsteht.

In der Studie wurden digitale Bilder von suprematistischen Kunstwerken der Meister Kasimir Malewitsch und Ljubow Sergejewna Popowa genutzt. Zehn ausgewählte Werke der Bewegung dienten als visueller Ausgangspunkt für die Teilnahme von 21 Personen, die eigene Kompositionen aus ausgeschnittenen Bildfragmenten der Originale erstellten. Diese Kompositionen sollten entweder sozial stabil oder dynamisch wirken.

Ästhetik und Kunstpsychologie

Die Studie deckt ein zentrales Augenmerk der Kunstpsychologie auf, die sich mit der Wahrnehmung und Bewertung von Kunst beschäftigt. Sie beleuchtet, wie individuelle Vorlieben und die visuelle Balance das ästhetische Empfinden beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnehmer selbstgestaltete dynamische Kompositionen bevorzugten, was die aktive und kreative Natur der ästhetischen Wahrnehmung unterstreicht.

Der Suprematismus, als erste konsequent ungegenständliche Kunstrichtung, entstand zwischen 1913 und den frühen 1930er Jahren in Russland und wurde von Kasimir Malewitsch maßgeblich geprägt. Seine Arbeiten, darunter „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“ und „Rotes Quadrat“, fokussierten auf die reine Empfindung und führten zu einer Ablehnung der akademischen Malweise. Diese Bewegung beeinflusste bedeutende Kunstströmungen wie De Stijl und das Bauhaus und führte zur Entwicklung neuer Ausdrucksformen innerhalb der russischen Avantgarde.

Der Einfluss des Suprematismus

Die Untersuchung erhält zusätzlichen Kontext, wenn man die historischen Entwicklungen des Suprematismus betrachtet. Malewitschs Werke wurden oft kontrovers diskutiert und stoßen bis heute unterschiedlich auf Resonanz. Der Suprematismus gilt sowohl als Inspiration wie auch als Herausforderung für spätere Künstler, die zwischen Abstraktion und gegenständlicher Darstellung balancieren. Malewitsh wollte mit Kunst nicht nur ästhetische Empfindungen auslösen, sondern Streben und Wirken in einen kontextualisierten Raum stellen.

Die Ergebnisse der Gießener Studie erweitern unser Verständnis darüber, wie diese historischen Kunstwerke auch heute noch wahrgenommen werden. So zeigt die Kombination aus psychologischen und kunsthistorischen Ansätzen, dass die emotionale Wirkung von Farbe, Form und Raum zur Schaffung eines ästhetischen Erlebnisses beiträgt – ein Kerngedanke, der die Kunstpsychologie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert beschäftigt.

Die Forschung stellt klar, dass die Auseinandersetzung mit Kunst nicht nur oberflächlich ist, sondern tiefere psychologische und kognitive Prozesse in Gang setzen kann, die letztlich zu Wohlbefinden und emotionaler Stabilität beitragen. Mit Blick auf die Ergebnisse der Studie könnte man sagen, dass Kunsttherapien und ähnliche Ansätze in der psychosozialen Arbeit eines sehr vielversprechenden Potenzials harren, um das mentale Wohlergehen der Betrachter zu fördern.