Am 28. und 29. Januar 2026 fand an der Justus-Liebig-Universität Gießen die erste Tagung der DFG-Forschungsgruppe „Antiziganismus und Ambivalenz in Europa (1850–1950)“ statt. Diese Forschungseinheit verfolgt das Ziel, die komplexen Beziehungen zwischen Antiziganismus und den Wahrnehmungen von Sinti*zze und Rom*nja in der Gesellschaft zu analysieren. Laut uni-giessen.de sind Sinti*zze und Rom*nja in Deutschland eine stark ausdifferenzierte Minderheit mit einigen Hunderttausend Mitgliedern. Die Forschung geht dabei auf die historischen Selbst- und Fremdbilder dieser Gruppen ein.
Die Tagung wurde von Prof. Dr. Kirsten von Hagen vom Institut für Romanistik und Prof. Dr. Thomas Bohn vom Historischen Institut geleitet. Rund 30 Teilnehmende aus Deutschland, Moldau, Frankreich, Rumänien und den USA haben sich versammelt, um interdisziplinäre Fallbeispiele aus Rumänien, Ungarn, Frankreich und Spanien zu beleuchten. Ein zentraler Aspekt der Tagung war das Thema „Formen der Spektakularisierung von Fremdbeschreibungen“ in Wissensmedien zwischen 1850 und 1950.
Ziele der Forschungsgruppe
Ein zentrales Anliegen der Forschungsgruppe ist die Dekonstruktion antiziganistischer Stereotype und die Rekonstruktion der Agency von Sinti*zze und Rom*nja. Diese Untersuchung ist besonders relevant, da Antiziganismus eine spezifische Form des Rassismus ist, die Sinti und Roma betrifft, wie wikipedia.org ausführt. Historisch gesehen zeigt sich Antiziganismus in Diskriminierung, Verfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung, vergangenen pogromartigen Ausschreitungen und der systematischen Ermordung während des Nationalsozialismus.
Zu den weiteren Aktivitäten der Tagung gehörte eine öffentliche Poetry-Performance mit der interdisziplinären Künstlerin CAT Jugravu. Diese fand am 28. Januar im Foyer des GCSC statt und thematisierte Romani- sowie Queer-/Trans-Politik. Die gesamte Veranstaltung schloss mit einer Abschlussdiskussion am 29. Januar.
Antiziganismus im gesellschaftlichen Kontext
Antiziganismus ist ein tief verwurzeltes gesellschaftliches Problem, das nicht nur Sinti und Roma betrifft, sondern auch andere marginalisierte Gruppen wie Jenische und irische Pavee. Historisch betrachtet ist die Verfolgung von Sinti und Roma in Deutschland seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert. Die IHRA-Definition von 2020 hebt hervor, dass Antiziganismus ein zentrales Element in der Verfolgung dieser Minderheiten darstellt.
Die negativen Stereotypen über „Zigeuner“ sind vielfältig und reichen von Eigenschaften wie Leichtsinn und Treulosigkeit bis zu spezifischen physiognomischen Merkmalen. Diese verankerten Vorstellungen zeigen sich auch in den Lebensrealitäten der Sinti und Roma: Diskriminierung im Wohnungsmarkt, im Bildungsbereich und in staatlichen Institutionen ist nach wie vor verbreitet. Im Jahr 2022 wurde auf politischer Ebene ein Beauftragter für die Bekämpfung von Antiziganismus ernannt, um dieser Problematik entgegenzuwirken.
Internationale Aufmerksamkeit zum Thema wird seit 1990 durch den Internationalen Tag der Roma geschärft, der am 8. April begangen wird. Diese Bemühungen sollen darauf abzielen, das Bewusstsein für Diskriminierung und die Herausforderungen, die Sinti und Roma in der Gesellschaft gegenüberstehen, zu erhöhen.
Die Diskussionen und Forschungsergebnisse der Tagung an der Universität Gießen spielen eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Antiziganismus und fördern das notwendige Bewusstsein und Verständnis für die Erfahrungen der Sinti*zze und Rom*nja. Die DFG-Forschungsgruppe plant durch die Beteiligung von Mitgliedern dieser Minderheit auch eine gezielte Förderung wissenschaftlicher Karrieren.