Am 14. Februar 2026 wurde bekanntgegeben, dass Annika Kühn den prestigeträchtigen Forschungspreis 2025 der Gesellschaft für Tanzforschung für ihre Masterarbeit mit dem Titel „Tanz als politische Praxis“ erhalten hat. Ihre Arbeit wurde von Prof. Dr. Stephan Lanz betreut und im Rahmen des Masterstudiengangs Soziokulturelle Studien abgeschlossen. Die Jury lobte Kühns Beitrag zu zentralen Themen wie Körper, Widerstand, Empowerment und Gemeinschaft aus postmigrantischen und feministischen Perspektiven. 

Kühn, die bereits als Kind mit verschiedenen Tanzformen wie Ballett, Kindertanz, Jazz und Modern Dance begann, entdeckte 2019 ihre Leidenschaft für den zeitgenössischen Tanz. Parallel zu ihrer akademischen Ausbildung hat sie auch eine Weiterbildung zur Tanztherapeutin begonnen, da sie Tanz als einen Weg ansieht, um neue innere Welten zu erschließen. In ihrer Masterarbeit führte sie sechs explorative Interviews mit Menschen durch, die unterschiedliche Tanzstile praktizieren, darunter zeitgenössischer Tanz, Krump, Ausdruckstanz, indischer Kathak und Protestchoreographien.

Die politische Dimension des Tanzes

In ihrer Untersuchung beleuchtet Kühn die subjektiven Bedeutungen von Tanz und Bewegung sowie deren politische Dimension. Sie beschreibt Tanz als eine kulturelle Praxis, die Räume für Selbsterleben, Selbstreflexion und nonverbalen kreativen Ausdruck eröffnet. Ihrer Meinung nach fördert Tanz Interaktion und Kommunikation, was sich positiv auf Individuen und die Gesellschaft auswirkt, insbesondere im Kontext von Menschenwürde und Freiheit.

Eine wichtige Erkenntnis für Kühn war die Vielseitigkeit des Tanzfeldes und die interdisziplinären Verbindungen zwischen Tanztherapie und sozial- sowie kulturwissenschaftlicher Literatur. Um ihre Theorie in die Praxis umzusetzen, plant sie, Wissenschaft und praktische Arbeit zu kombinieren, beispielsweise in Form eines Vortrags und Bewegungsworkshops an der Universität Kassel.

Vielfalt und Philosophie im Tanz

Im Kontext der aktuellen Diskussionen über Tanz und Politisches steht auch Ursina Tossi, eine Tänzerin und Choreografin aus Hamburg, die sich ebenfalls mit den sozialen und politischen Aspekten des Tanzes auseinandersetzt. In einem Gespräch erklärt Tossi, dass Tanz nicht nur Ausdruck von Bewegung ist, sondern auch eine Inszenierung von Körpern und deren Wahrnehmung beinhaltet. Ihre Essaysammlung „Die Philosophie des Tanzens“ bietet eine Plattform für verschiedene Perspektiven auf Tanzpraxis, Soziologie, Politologie, Philosophie und Literatur.

Tossi weist darauf hin, dass eine universelle Philosophie des Tanzens nicht möglich ist, weil der Tanz in so unterschiedlichen Kontexten stattfindet, wie privaten Räumen, Theaterräumen, Galerien und Clubs. Besonders berührend für Tossi sind die Beiträge von Autoren wie Orly Almi, die über die Tanzkultur in Tel Aviv schreiben, sowie von Lea Pischke und Natalia Wilk, die Apnoe-Tauchübungen in einem kulturpolitischen Kontext anleiten.

Historische Aspekte des modernen Tanzes

Der moderne Tanz, der im frühen 20. Jahrhundert in Europa entstand, revolutionierte Ästhetik, Technik und unser Verständnis von Körper und Bewegung. Bis heute beeinflusst er den zeitgenössischen Tanz maßgeblich. Eine transnationale Perspektive auf die Geschichte des modernen Tanzes zeigt, dass globale Spuren von Erinnerung, Migration und Exil eine bedeutende Rolle spielen. Die Publikation im Jahrbuch TanzForschung 2023 bietet neue Perspektiven auf den modernen Tanz und beleuchtet Themen wie queere Lesarten und digitale Re-Inszenierungen.

Zusätzlich wird untersucht, wie Tradierungen und Modifikationen in ehemaligen Imperien den modernen Tanz geprägt haben. Autor*innen wie Miriam Althammer, Anja K. Arend und Eike Wittrock diskutieren die Komplexität und Vielfalt, die der moderne Tanz mit sich bringt und zeigen auf, wie sich die Definitionen und die Bedeutung des Tanzes im Laufe der Zeit entwickelt haben.