Am 12. März 2026 bot der Forensikabend, geleitet von Karsten Bettels, Kriminaldirektor a.D., einen tiefen Einblick in das Phänomen der Cold Cases. Rund 10 % der Kriminalfälle in Deutschland gelten als unerledigt, wobei viele dieser ungelösten Verbrechen unter den Kategorien Tötungsdelikte und Vermisstenfälle fallen. Bettels betonte die Dringlichkeit, Ermittlungsakten, die sich oft über tausende von Seiten erstrecken, immer wieder neu zu studieren und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Eine Vielzahl von Hinweisen, Aussagen und Spuren bleibt häufig unentdeckt und könnte entscheidend sein.

Ein eingehender Blick auf spezifische Fälle verriet, wie komplex und tragisch die Geschichten hinter Cold Cases sind. Unter anderem erwähnte Bettels den Fall des „Nordseemanns“ aus dem Jahr 1994, dessen Leiche in einer Holzkiste im Bremerhaven entdeckt wurde. Die Identität und die Umstände seines Todes blieben lange Zeit ungeklärt. Ein weiterer bemerkenswerter Fall ist der Mordfall Colin A. aus dem Jahre 1983, der als britischer Staatsbürger in einem ausgebrannten Fahrzeug gefunden wurde. Zeugen berichteten von Knallgeräuschen, die zunächst als platzende Reifen interpretiert wurden. Prof. Dr. Thomas Fischer analysierte diese Geräusche und stellte die Hypothese auf, dass es sich möglicherweise um Schüsse handelte.

Neue Ermittlungsansätze

Die Diskussion über die Entstehung von Fahrzeugbränden und die akustischen Unterschiede zwischen platzenden Reifen und Schüssen verdeutlichte die Komplexität forensischer Ermittlungen. Das Interesse des Publikums war hoch; sie hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit den Referenten zu diskutieren. Dies zeigt die wachsende Aufmerksamkeit für das Thema und die Wichtigkeit moderner Forensik in der Aufklärung ungelöster Kriminalfälle.

Das Interesse an diesen Themen wird auch durch internationale Beispiele wie den Golden State Killer verdeutlicht, der zwischen den 1970er- und 1980er-Jahren zahlreiche Verbrechen in Kalifornien beging. Erst 2018 wurde der Täter Joseph James DeAngelo durch genetische Genealogie identifiziert. Solche Erfolge sind nicht nur auf die USA beschränkt; auch in Deutschland gibt es eine Reihe von Cold Cases, die durch neue Ermittlungsansätze, insbesondere durch DNA-Analysen, aufgeklärt wurden. So wurde beispielsweise der Mord an der 76-jährigen Hilde Z. aus Berlin-Neukölln 2015 durch eine erneute DNA-Analyse neu aufgerollt.

Die Bedeutung von Cold Cases

In Deutschland werden jährlich etwa 300 Morde begangen, wobei die Aufklärungsquote bei rund 95 % liegt. Dennoch bleiben jedes Jahr 10 bis 20 Morde ungeklärt, und die Dunkelziffer könnte sogar höher sein. Es gibt über 1000 ungelöste Mordfälle, mit 350 in Hamburg, 270 in Berlin und knapp 200 in Bayern. Der Bedarf an spezialisierten Cold-Case-Einheiten wächst, um diese komplexen Fälle zu bearbeiten.

Ein weiteres Beispiel ist die Aufklärung der Göhrde-Morde, die 1989 zwei Paare das Leben kosteten und erst 2018 durch DNA-Spuren geklärt werden konnten. Aufklärung dieser Fälle bringt nicht nur Gerechtigkeit für die Opfer, sondern kann auch den Angehörigen der Opfer Trost spenden. Die Psychologie der Ermittler steht dabei im Mittelpunkt, da häufig auch ungelöste Fälle eine ständige Belastung für sie darstellen.

Der Forensikabend in Spremberg verdeutlichte eindrücklich, wie wichtig und gleichzeitig herausfordernd die Aufklärung von Cold Cases ist. Die Präsenzstelle Spremberg bedankte sich am Ende bei den Referenten und Gästen für den regen Austausch und die tiefgründigen Diskussionen zu den Herausforderungen und Errungenschaften in der Forensik.