Am 11. März 2026 fand an der Universität Osnabrück eine zweitägige Tagung zur intersektionalen Gleichstellungspolitik statt. Ziel der Veranstaltung war es, Impulse für eine zukunftsweisende Gleichstellungspolitik an Hochschulen zu entwickeln. Die Veranstaltung, die in der Aula des Schlosses stattfand, brachte Expert*innen aus Wissenschaft, Hochschulpraxis, Forschungsförderung und Politik zusammen, um gemeinsam an Lösungen zu arbeiten und Herausforderungen zu identifizieren. Laut uni-osnabrueck.de betonte Prof. Dr. Susanne Menzel-Riedl, Präsidentin der Universität, die Notwendigkeit einer intersektionalen Gleichstellungspolitik und die Verantwortung der Universität, chancengerechte Strukturen zu schaffen.
Wissenschaftsminister Falko Mohrs wies darauf hin, dass Gleichstellung über Geschlechtergerechtigkeit hinausgehen muss. Er plädierte dafür, strukturelle Barrieren in Wissenschaft und Forschung abzubauen, um allen Hochschulangehörigen faire Chancen zu bieten. Dr.in Doris Hayn von lakog Niedersachsen erinnerte an die bereits 2007 gestartete Dialoginitiative für Gleichstellung und die Professionalisierung der Gleichstellungsarbeit an Hochschulen. Diese Initiative wird durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie die Landeshochschulkonferenz Niedersachsen gefördert.
Tagungsinhalt und Formate
Die Tagung beinhaltete zwei Keynotes, in denen Arn Sauer von der Bundesstiftung Gleichstellung über Intersektionalität und Geschlechtervielfalt sprach, während Prof.in Birgitt Riegraf von der Universität Paderborn über die Rahmenbedingungen einer erfolgreichen intersektionalen Gleichstellungspolitik referierte. Begleitet wurden die Präsentationen von interaktiven Formaten, den sogenannten „Denkräumen“, die konkrete Handlungsfelder wie Personalauswahl, Forschungsförderung und Chancengerechtigkeit thematisierten. Auch die Identifikation von Herausforderungen und Good-Practice-Beispielen war Teil der Diskussionen. Diese Ergebnisse werden in den weiteren Prozess der Dialoginitiative einfließen.
Dr.in Sabine Jösting, Gleichstellungsbeauftragte der Universität Osnabrück, unterstrich die vielschichtigen Herausforderungen, die im Rahmen der intersektionalen Gleichstellungsarbeit bestehen. Die Tagung stellt einen wichtigen Schritt in einem kontinuierlichen Projektprozess dar, der im Herbst 2026 mit Handlungsempfehlungen für die intersektionale Gleichstellungspolitik im Hochschulkontext abgeschlossen wird. Die Moderation der Veranstaltung übernahm Anneliese Niehoff von der Universität Bremen, die auch ein Awareness-Team begleitete, um die Veranstaltung für alle zugänglich zu machen.
Kontext und Herausforderungen
Intersektionale Gleichstellungspolitik ist in vielen wissenschaftlichen Bereichen noch nicht umfassend untersucht worden. Wie gesis.org hervorhebt, gibt es insbesondere zu Personen mit Behinderung im Hochschulsystem erhebliche Forschungslücken. Der Diskurs über Behinderung und Geschlecht zeigt, dass viele Akteure die Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Identität von Personen mit Behinderung selten wahrnehmen. Diese Pathologisierung und Individualisierung von Behinderung beeinflussen das gesellschaftliche Interesse, insbesondere gegenüber FINTA*-Personen (Frauen, Inter, Non-binäre, Trans und Agender), in der Wissenschaft.
Die 22. Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks verdeutlicht, dass 24% der Studierenden gesundheitliche Beeinträchtigungen melden, wobei 58% von ihnen weiblich sind. Dieses Ungleichgewicht trägt dazu bei, dass Studierende mit Behinderungen ihr Studium häufiger abbrechen. Forschungsergebnisse belegen auch die negativen Auswirkungen von Ableismus auf die Karrierechancen sowie die psychische Gesundheit dieser Gruppe. Trotz der Herausforderungen, vor denen viele Hochschulen stehen, fehlen flächendeckend umfassende Daten über Studierende mit Behinderungen, was die Entwicklung geeigneter Maßnahmen zur Förderung dieser Zielgruppe erschwert.
Insgesamt stellt die Tagung an der Universität Osnabrück einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der intersektionalen Gleichstellungspolitik dar und zeigt, wie wichtig der Austausch von Wissen und Erfahrungen unter den verschiedenen Akteur*innen ist, um chancenfoerdernde Strukturen nachhaltig zu gestalten.