In mehreren europäischen Großstädten werden derzeit koordinierte, zweistufige Lieferkonzepte getestet, die darauf abzielen, städtische Lieferketten nachhaltiger und effizienter zu gestalten. Diese Konzepte sehen vor, dass Waren am Stadtrand gebündelt und anschließend per Tram oder Transporter zu sogenannten Satellitenpunkten in der Innenstadt transportiert werden. Von diesen Punkten aus erfolgt die Verteilung auf emissionsarme Fahrzeuge oder Lastenräder. Dieses innovative System ist jedoch anfällig für Störungen, wie Prof. Dr. Pirmin Fontaine von der Universität Kiel betont. Die genaue Synchronisation der verschiedenen Verkehrsträger ist entscheidend, um die Effizienz der Lieferkette zu gewährleisten.[ku.de]
Ein Beispiel für die Herausforderungen, mit denen solche Systeme konfrontiert sind, zeigt sich in München, wo nur etwa 70 % der Trams pünktlich fahren. Unerwartete Verzögerungen im ersten Schritt können das gesamte System beeinträchtigen. Das DFG-Projekt ReSCueD hat sich daher die Forschungsfrage gestellt: „Wie plane ich urbane Logistiksysteme unter Berücksichtigung von Unsicherheiten?“ Das Ziel des Projekts ist es, die Lieferketten in städtischen Gebieten robuster und resilienter zu gestalten, um den Herausforderungen von Störungen wie klassischen Staus oder unvorhergesehenen Ereignissen, etwa Notarztwagen oder Falschparkern, besser zu begegnen.
Forschungsansatz und Strategien
Das Forschungsteam beabsichtigt, ein komplexes stochastisches Optimierungsmodell zu entwickeln, das es ermöglicht, mit unvollständigen Informationen und Unsicherheiten umzugehen. Strategische Ressourcenentscheidungen wie die Anzahl der Trams, Kuriere und E-Fahrzeuge müssen getroffen werden, um das Liefernetzwerk effizient zu gestalten. Ergänzend dazu werden Recovery-Strategien entwickelt und getestet, um das System nach Störungen schnell wiederherzustellen. Die Schnittstelle von Mathematik, Wirtschaft und Data Science spielt dabei eine zentrale Rolle in der Forschung.
Das über drei Jahre von der DFG geförderte Projekt hat im Juli 2025 offiziell begonnen und ist international ausgerichtet. Als Kooperationspartner wirken unter anderem Professor Teodor Gabriel Crainic aus Kanada sowie Walter Rei und Ola Jabali aus Italien mit. Ziel ist es, bis zum Sommer 2028 eine krisenfeste, effiziente und nachhaltige Logistikorganisation in Großstädten zu erreichen.
Globale Herausforderungen und Resilienz
Nicht nur in Europa, sondern global sind Lieferketten komplex und anfällig für zahlreiche Störungen. Cyberangriffe, geopolitische Spannungen, Naturkatastrophen und Kapazitätsengpässe stellen Unternehmen vor erhebliche Herausforderungen. Um diesen Risiken zu begegnen, ist es entscheidend, die Lieferketten robuster und anpassungsfähiger zu gestalten, sodass Betriebe nicht nur auf Störungen reagieren, sondern sich aktiv darauf vorbereiten können. Eine geeignete Strategie verbessert die Stabilität der Logistikprozesse und die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen.[iml.fraunhofer.de]
Schlüsselfaktoren für eine widerstandsfähige Lieferkette umfassen unter anderem die frühzeitige Identifikation von Risiken und die Verbesserung der digitalen Sicherheit. Dazu gehört auch der Schutz sensibler Logistikdaten durch Methoden wie Privacy-by-Design sowie die Verwendung moderner Tracking- und Analysesysteme zur frühzeitigen Erkennung von Risiken.
Die Entwicklung proaktiver Notfall- und Krisenpläne und das genaue Definieren von Verantwortlichkeiten sind weitere wichtige Schritte, um die Infrastruktur gegen unerwartete Störungen zu wappnen. Zudem wird die Diversifizierung von Transportwegen und Lieferanten als entscheidender Faktor angesehen, um Abhängigkeiten zu minimieren und die Flexibilität der Lieferketten zu erhöhen.