Die Stadt einfach mal als Fuchs betrachten
In Kassel wird das Forschungs- und Lehrprojekt „PerspekTIERwechsel“ ins Leben gerufen, das einen innovativen Ansatz in der Stadtplanung verfolgt. Es zielt darauf ab, die Bedürfnisse von Tieren stärker in den Fokus zu rücken. Dr. Annette Voigt, die Leiterin des Projekts, veranschaulicht die Wissenslücken bei Architekten und Planern, die oft nicht im Blick haben, wie ihre Entwürfe das Leben von Tieren beeinflussen. „Städte werden meist nur aus menschlicher Sicht geplant“, so Voigt, „Daher bleiben Tiere oft unsichtbar oder werden als Störfaktoren wahrgenommen.“
Ein anschauliches Beispiel für diese Problematik ist der Rückgang von Vogelpopulationen aufgrund von Kollisionen mit Glasflächen, die jährlich rund 100 Millionen Vögel in Deutschland das Leben kosten. Auch die Gefahr, dass Tauben sich in Glasfassaden verirren, ist ein ernstes Thema. Hinzu kommt, dass die Bebauung von Flächen mit historisch wichtigen Wildtierpopulationen – wie etwa der letzten Kreuzkrötenpopulation Berlins – oft ohne Rücksicht auf die Tiere erfolgt. Voigt appelliert deshalb an die Planer: „Wir müssen Bauprojekte so gestalten, dass sie Tiervorkommen integrieren oder neuen Lebensraum schaffen, um Konflikte zu minimieren.“
Füchse: Erfolgreiche Stadtbewohner
Eine Tierart, die heutzutage zunehmend in urbanen Bereichen zu finden ist, sind Füchse. Diese scheuen Waldbewohner haben sich seit den späten 1990er Jahren bemerkenswert an die städtischen Lebensräume angepasst. In Städten wie Berlin sind sie sogar weniger scheu gegenüber Menschen geworden. Laut dem NABU finden Stadtfüchse reichlich Nahrung und klappern eifrig Mülleimer ab. Ihre Reviere sind kleiner und die Verbände, in denen sie leben, unterscheiden sich von denjenigen ihrer ländlichen Verwandten.
Dennoch bleibt ihre Lebensweise von Herausforderungen geprägt. Füchse sind Allesfresser und jagen Vögel, kleine Nagetiere, aber auch Insekten – die zurzeit stark abnehmen. Obwohl Deutschland seit 2008 tollwutfrei ist und Fuchsbandwurm-Erkrankungen selten geworden sind, sollten Menschen vorsichtig sein und diese Wildtiere nicht streicheln.
Stadtplanung im Einklang mit der Natur
Um den Herausforderungen der Urbanisierung gerecht zu werden und eine Klimaresilienz zu erreichen, ist ein Umdenken in der Stadtplanung unerlässlich. Projekte wie „CitiesForALL“ zeigen auf, wie wichtig naturbasierte Lösungen (NBS) und grüne Infrastrukturen (GI) sind. Diese Konzepte zielen darauf ab, das Verständnis der städtischen Wildtierökologie zu verbessern und damit eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Ein zentrales Ziel ist die Identifikation von kritischen Schwellenwerten zur effektiven Gestaltung von Grünflächen, die sowohl Menschen als auch Tieren zugutekommen.
Die Arbeiten sind noch im Gange, und in Städten wie Freiburg und Karlsruhe wird bereits an einer konsistenten Wildtierüberwachung gearbeitet. Wissenschaftler aus verschiedenen Städten, einschließlich Stuttgart und Berlin, sowie internationalen Partnern aus Chicago sind daran beteiligt, Grundlagen für zukünftige Strategien zu schaffen. Die städtische Wildtiervielfalt ist nicht nur ein Thema der Biodiversität, sondern auch eng verwoben mit sozioökonomischen Faktoren und dem Klimawandel.
Indem wir lernen, Städte aus der Perspektive verschiedener Tiere zu betrachten – seien es Füchse, Vögel oder andere Arten – können wir die Lebensqualität aller Bewohner in den urbanen Räumen verbessern. Es liegt an uns, den ersten Schritt zu tun und eine Stadtplanung zu fördern, die sowohl Mensch als auch Tier wahrnimmt und respektiert.
Für weitere Informationen über das Projekt „PerspekTIERwechsel“ in Kassel besuchen Sie bitte die Universität Kassel und erfahren Sie mehr über die Herausforderungen und Chancen der Mitgestaltung städtischer Lebensräume.