Die Universität Tübingen hat einen bedeutenden Schritt in der Erforschung des Antisemitismus vollzogen: Friederike Lorenz-Sinai wurde zum 1. März 2026 auf den neu eingerichteten Lehrstuhl für Sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung berufen. Diese Position gehört zur Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und ist Teil des Instituts für Rechtsextremismusforschung (IRex), das seit seiner Gründung im Mai 2023 in Deutschland einzigartig ist. Alle vier Professuren am IRex sind nun besetzt, was die akademische Auseinandersetzung mit diesem wichtigen Themenfeld stärkt.
Was genau wird Lorenz-Sinai forschen? Ihr Fokus liegt auf Gewalt- und Diskriminierungsphänomenen, sowohl in regionaler als auch internationaler Ausrichtung. Besonders essenziell ist der Transfer von Forschungsergebnissen zu Organisationen der Zivilgesellschaft, was die Praxisnähe der Forschung unterstreicht. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Petra Olschowski hob die Bedeutung ihrer Berufung hervor, insbesondere im Hinblick auf die Forschung zu Rechtsextremismus und Antisemitismus, die heute mehr denn je erforderlich ist.
Ein Weg von der Pädagogik zur Forschung
Die berufliche Laufbahn von Lorenz-Sinai zeigt einen spannenden Werdegang: Sie begann als Erzieherin und Sozialarbeiterin, studierte Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und schloss ihre Promotion mit summa cum laude an der Bergischen Universität Wuppertal ab. In ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit institutionellen Schweigepraktiken im Kontext von Gewalt gegen Kinder mit Beeinträchtigungen.
Ihre Erfahrungen an verschiedenen Universitäten, darunter die Hebrew University of Jerusalem und die Freie Universität Berlin, sowie ihre Tätigkeit als freie Mitarbeiterin in der pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte Bergen-Belsen, haben ihre Perspektive auf das Thema Antisemitismus geprägt. Ein gemeinsames Projekt mit Marina Chernivsky, die Studienreihe „Antisemitismus im Kontext Schule“, spiegelt ihre Beschäftigung mit der Thematik wider. Dabei wurde auch der Umgang mit Antisemitismus in der Gedenkstättenpädagogik thematisiert.
Herausforderungen in der Gedenkstättenarbeit
Die Präsenz von Rechtsextremismus und Antisemitismus stellt nicht nur die Forschung vor Herausforderungen, sondern auch die Gedenkstätten selbst. Der Bildungsauftrag dieser Einrichtungen umfasst historisch-politische, demokratiebildende und rechtsextremismuspräventive Bildung. Dr. Elke Gryglewski betont, dass der Präventionsgedanke seit der Gründung der ersten Gedenkstätten durch Überlebende ein zentraler Aspekt ist.
In den letzten Jahren hat sich die Gedenkstättenarbeit professionalisiert, was zu einer Reflexion über Standards geführt hat. Best Practice erfordert, dass Zeit für die Auseinandersetzung mit der Geschichte eingeräumt wird. Gedenkstätten nutzen inzwischen auch digitale Formate, um ein breiteres Publikum zu erreichen und den Zugang zu ihrer Thematik zu vereinfachen – selbst soziale Medien wie TikTok sind Teil dieser Strategie.
Doch diese Arbeit steht unter Druck. Die Herausforderungen umfassen nicht nur den Verlust der Zeitzeugenschaft, der die authentische Vermittlung erschwert, sondern auch die zunehmenden Angriffe auf Gedenkstätten. Diese Form von Bedrohung und ihre Bewältigung sind Themen, die auch für die Forschung von Lorenz-Sinai und ihre Kollegen von zentraler Bedeutung sind.
Die Berufung von Friederike Lorenz-Sinai an die Universität Tübingen markiert also nicht nur einen Fortschritt in der akademischen Landschaft, sondern auch einen wichtigen Schritt zur Stärkung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rechtsextremismus. In diesen komplexen Zeiten ist solch eine Forschung unerlässlich – sowohl für die Wissenschaft als auch für die Zivilgesellschaft.