Was haben Studierende mit Jobcentern zu tun? Eine interessante Verbindung stellt sich beim Besuch der Professorin für Europäisches Sozialrecht, Prof. Dr. Claudia Hofmann, mit ihren Studierenden im Jobcenter Frankfurt (Oder) Ende Januar 2026 heraus. Das Hauptaugenmerk der Exkursion lag auf dem Bürgergeld, den damit verbundenen Leistungen sowie möglichen Sanktionen. Eine Diskussion, in der durchaus unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallten, gab den Studierenden die Möglichkeit, praktische Einblicke in den Alltag der Jobcenter-Mitarbeiter zu gewinnen.
Der Leiter der Frankfurter Arbeitsagentur, Jochem Freyer, bezeichnete die Gesprächsrunde als „ungeschminkten Abgleich von Theorie und Praxis“. Dabei ergaben sich auch kritische Fragestellungen: Studentin Sophie Franz merkte an, dass viele der praktischen Herausforderungen für Betroffene nicht in den Gesetzbüchern verankert sind. Ihr Kommilitone Jannes Boll zeigte sich besonders interessiert an der Umsetzung der bundesweiten Gesetzgebung und den damit verbundenen Schwierigkeiten.
Die Herausforderungen für Langzeitarbeitslose
Die Realität in den Jobcentern sieht oft ganz anders aus als die Theorie. Fallmanager – wie jene in Wiesbaden und Aachen – unterstützen Langzeitarbeitslose beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt, stehen dabei jedoch vor enormen Hürden. Eine alleinerziehende Mutter, die seit vier Jahren Bürgergeld bezieht, plant, in zweieinhalb Jahren wieder zu arbeiten, erhält dafür aber nur rund 1.500 Euro monatlich, inklusive Kindergeld und Mietzuschuss. Kinderbetreuung und Sprachkenntnisse stellen oft große Hürden dar. Der Bedarf an Reformen beim Bürgergeld ist entsprechend hoch, da viele Jobcenter-Mitarbeiter gegen generelle Sanktionen plädieren, aber dennoch Konstanz in den Leistungen fordern. Markus Bilgram, Leiter der Abteilung für kommunale Arbeitsvermittlung in Wiesbaden, betont, dass die meisten Langzeitarbeitslosen arbeitswillig sind und oft bereit sind, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben.
Im Rahmen des Bürgergeldes stehen ungefähr 4 Millionen erwerbsfähige Personen im Fokus, und die öffentliche Debatte kreist immer wieder um die Fragen nach Anreizen zur Arbeitsaufnahme und der Mitwirkungspflicht. Maßnahmen zur Verbesserung dieser Aspekte – von einer Erhöhung der Regelleistung bis hin zur Aussetzung der Vermögensprüfung – stehen zur Diskussion. Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD aus dem Jahr 2025 sind zudem Reformen geplant, die die bisherigen Regeln neu evaluieren sollen.
Eine komplexe Lage
Die Ausbildungs- und beruflichen Qualifikationen stellen häufig erhebliche Vermittlungshemmnisse dar. So sehen 55 % der Jobcenter-Beschäftigten unzureichende Deutschkenntnisse als eine Herausforderung an, wobei psychische Erkrankungen und fehlende berufliche Qualifikationen ebenfalls negativ ins Gewicht fallen. Diese Gegebenheiten spiegeln sich auch in der Umfrage zur Bürgergeld-Reform wider, die unter anderen die Meinungen der Jobcenter-Beschäftigten erfasst hat. Ein bemerkenswerter Teil der Befragten äußert Bedenken, dass sich Erwerbsarbeit für Geringverdiener aufgrund des Bürgergeldes nicht lohnt.
Auf LinkedIn äußerte Jochem Freyer, dass derartige Dialoge und Exkursionen den Studierenden helfen, verschiedene Perspektiven auf das Thema Bürgergeld zu entwickeln, auch wenn Meinungsverschiedenheiten bestehen bleiben. Die Exkursionen, welche auch zu weiteren wichtigen Institutionen wie dem Verwaltungsgericht führen, sollen den Studierenden Zugang zu potenziellen Berufsfeldern vermitteln und die Herausforderung in der Praxis sichtbar machen.
Insgesamt zeigt sich, dass die Thematik rund um das Bürgergeld zusammen mit den Effizienzfragen der Jobcenter und den Bedürfnissen der Arbeitsuchenden facettenreich und herausfordernd ist. Wie gut können aber Theorie und Praxis harmonieren?