Die spinale Muskelatrophie (SMA) hat sich als ernstzunehmende Bedrohung für Neugeborene erwiesen. Diese genetisch bedingte neuromuskuläre Erkrankung betrifft Motoneuronen im Rückenmark und kann zu erheblichen Einschränkungen in der Muskelkraft führen. Unbehandelt drohen schwere Behinderungen oder sogar der Tod im Säuglingsalter. Laut der DGM ist SMA eine der häufigeren „Seltenen Erkrankungen“ in Deutschland, die schätzungsweise 1 von 6-10.000 Neugeborenen betrifft.

In einem neuen Forschungsansatz zeigt ein internationales Team unter der Leitung von Professorin Dr. Brunhilde Wirth von der Universität zu Köln und Dr. Jean Giacomotto von der Griffith University in Australien, dass positive Ergebnisse im Neugeborenen-Screening manchmal auf vermeintliche genetische Fehlalarme zurückzuführen sein können. Eine kürzlich veröffentlichte Studie im American Journal of Human Genetics und EMBO Molecular Medicine verdeutlicht diese Problematik und befasst sich mit funktionellen Tests in einem Zebrafisch-Modell, die helfen können, solche Fehlalarme zu identifizieren.

Genetische Fehlalarme im Neugeborenen-Screening

Konkret wurden zwei Neugeborene – ein Junge aus Australien und ein Mädchen aus Deutschland – identifiziert, bei denen im Screening das SMN1-Gen, der zentrale genetische Auslöser von SMA, nicht nachgewiesen werden konnte. Genetische Analysen ergaben jedoch, dass beide Kinder seltene SMN1-Varianten trugen, die vom Screening-Test nicht erkannt worden waren. Diese Erkenntnis zeigt, wie wichtig detaillierte Analysen sind, um unnötige Therapiefortsetzungen zu vermeiden.

Die durchgeführten Zebrafisch-Tests brachten ein überraschendes Ergebnis: Trotz der identifizierten Varianten traten keine Symptome der SMA auf, was zur Entscheidung der behandelnden Ärzteteams führte, keine SMA-Therapie zu beginnen. Die beiden Kinder, die mittlerweile über zwei Jahre alt sind, entwickeln sich motorisch normal und zeigen keinerlei Anzeichen einer neuromuskulären Erkrankung. Dies hat nicht nur erhebliche emotionale Belastungen vermieden, sondern auch Therapiekosten von über 2 Millionen US-Dollar pro Kind gespart.

Bedeutung des Neugeborenen-Screenings

Seit der Einführung des Neugeborenen-Screenings auf SMA am 1. Oktober 2021 werden in Deutschland regelmäßige Blutuntersuchungen bei Neugeborenen durchgeführt, um frühzeitig auf genetische Störungen hinzuweisen. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat sogar die Entscheidung getroffen, das Screening auf insgesamt 16 angeborene Störungen zu erweitern. Ein auffälliger Befund veranlasst die Ärzte zur Kontaktaufnahme mit der Familie, damit dringende Diagnoseschritte und Therapieoptionen besprochen werden können.

Ein frühes Erkennen von SMA ermöglicht den Zugang zu unterschiedlichen Therapien und verbessert die Entwicklungschancen der betroffenen Kinder erheblich. Die behandelnden Ärzte müssen dabei sehr sorgfältig vorgehen, denn eine homozygote Vererbung des Gendefekts kann zu einer schweren Ausprägung der Erkrankung führen. Daher ist die fachliche Beratung durch erfahrene Spezialisten unerlässlich. Wie gezeigt, bleiben die Diagnostik und Therapie weiterhin von Krankenkassen übernommen.

Die neue Forschung bietet vielversprechende Ansätze zur Optimierung des Screenings und zur Vermeidung unnötiger Therapien. Dies könnte zukünftigen Patienten mit SMA und deren Familien ein besseres Verständnis ihrer genetischen Risiken und geeigneter Behandlungswege eröffnen, während gleichzeitig emotionale und finanzielle Belastungen minimiert werden.