Die Aufarbeitung des Völkermords an Sinti und Roma ist ein Thema, das in der Gesellschaft lange Zeit im Schatten stand. Während vergangener Jahrzehnte wurde der NS-Völkermord an diesen Gruppen sowohl gesellschaftlich als auch politisch weitgehend ignoriert, und auch in der wissenschaftlichen Forschung fand er wenig Beachtung. In diesem Kontext hat die Universität Heidelberg ein ambitioniertes Projekt ins Leben gerufen, um die Verfolgungsgeschichte dieser Minderheit umfassend zu dokumentieren. Dr. Karola Fings, die wissenschaftliche Leiterin des Projekts, erläutert die Ziele der „Edition zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Europa“. Das Vorhaben deckt die gesamte Skala der Verfolgungsprozesse ab – von der rassistischen Stigmatisierung über die Deportation bis hin zu den Morden in Vernichtungslagern wie Auschwitz.
Im Rahmen dieser Edition sollen relevante Dokumente aus dem Verwaltungs- und Verfolgungsapparat zusammengeführt werden. Gleichzeitig wird die Perspektive der Opfer berücksichtigt, damit deren individuelle Geschichten und ihr Überlebenswillen nicht in Vergessenheit geraten. Diese Initiative soll als kuratiertes Archiv dienen und neue Impulse für weitere Forschungsprojekte geben, so Dr. Frank Reuter, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist. Er betont die Wichtigkeit, das kulturelle Gedächtnis Europas zu erweitern und die Relevanz des Themas im Kontext des gegenwärtigen Antiziganismus zu unterstreichen.
Einblicke in die Geschichte
Der Völkermord an Sinti und Roma stellt den gewaltsamen Höhepunkt einer langen Geschichte der Diskriminierung und Verfolgung dar. Ab 1939 gab es die ersten Deportationspläne, die insbesondere ab Februar 1943 umgesetzt wurden. Dabei traf es vor allem die ortsfest lebenden „Zigeunermischlinge“. Historiker schätzen, dass zwischen 220.000 und 500.000 Sinti und Roma Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden. Die Verfolgung war stark geprägt von rassistischen Theorien, die die betreffenden Gruppen als „fremdrassig“ und sozial minderwertig brandmarkten.
Die nationalsozialistische Politik zur Vernichtung der als „Zigeuner“ klassifizierten Menschen wurde systematisch durch staatliche Maßnahmen unterstützt. Ab 1937 wurden spezielle „Zigeunerlager“ eingerichtet, in die Sinti und Roma inhaftiert wurden. Unter den Verfolgten waren viele, die in den besetzten Gebieten lebten, und die Opfer fielen zusätzlich Massakern durch militärische und polizeiliche Kräfte zum Opfer. Auch die nachfolgenden Jahrhunderte waren von Diskriminierung geprägt, ehe 1982 die Bundesregierung die Verbrechen schließlich offiziell als Völkermord anerkannte.
Ein Gedenktag für die Zukunft
Um das Andenken an die Opfer zu wahren, wurde der 2. August als europäischer Gedenktag für den Völkermord an Sinti und Roma eingeführt. An diesem Tag im Jahr 1944 wurden die letzten im Konzentrationslager Auschwitz gefangenen Sinti und Roma ermordet. Trotz des Gedenkens sind Sinti und Roma jedoch weiterhin strukturellen Diskriminierungen und Vorurteilen ausgesetzt. Erst kürzlich, 2022, wurden 145 antiziganistisch motivierte Straftaten in Deutschland registriert, was zeigt, dass es noch einen langen Weg zur vollständigen Anerkennung und Gleichberechtigung gibt.
Die Edition zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma in Europa, die seit 2023 aktiv ist, wird von einem internationalen wissenschaftlichen Beirat begleitet und stützt sich auf die digitale „Enzyklopädie des NS-Völkermordes an den Sinti und Roma in Europa“, gefördert durch das Auswärtige Amt. Hierdurch wird nicht nur ein historisches Archiv geschaffen, sondern auch ein wichtiger Beitrag zur Erfassung und Bearbeitung des Antiziganismus geleistet.