Frühgeburtliche Erlebnisse kommen mehr und mehr in den Fokus der Forschung, insbesondere hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von Kindern. Schätzungsweise jedes zwölfte Kind wird vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren. Das kann nicht nur für das Kind, sondern auch für die Eltern ein traumatisches Erlebnis sein, bei dem Fragen zu Überleben und möglichen bleibenden Schäden aufkommen. Die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Oldenburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, Grundlagenforschung mit praktischen Ansätzen zu verbinden, um diesen schwierigen Start ins Leben zu unterstützen. So berichtet die Klinik über die Wichtigkeit der ersten 1.000 Tage, in denen sich entscheidende Entwicklungsprozesse abspielen, die die Hirnfunktionen der Kinder maßgeblich beeinflussen.

Eine zentrale Rolle dabei spielt Prof. Dr. Axel Heep, Direktor der Universitätsklinik, der sich intensiv mit der frühkindlichen Hirnentwicklung beschäftigt. Die Forschung, die dort betrieben wird, beginnt schon in der dritten Schwangerschaftswoche, wenn sich das Neuralrohr zu Gehirn und Rückenmark entwickelt und Nervenzellen ihre spezifischen Positionen einnehmen. Dr. Nicola Brandt untersucht dabei die Zellmigration im Kortex, denn Fehler in diesem Prozess können zu erheblichen Hirnschäden führen. Diese Forschung ist für die oben genannten Risikogruppen, insbesondere für Frühgeborene und Kinder mit sehr niedrigem Geburtsgewicht, von essenzieller Bedeutung. Laut Untersuchungen zeigen Frühgeborene ein erhöhtes Risiko für Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) und andere psychische Störungen, die nicht nur das Kind, sondern auch die familiäre Situation belasten.

Die Herausforderungen für frühgeborene Kinder

Die psychischen Folgen einer Frühgeburt sollten nicht unterschätzt werden. Wie eine Studie zeigt, haben Frühgeborene häufig Defizite in Aufmerksamkeitsleistungen und Sprachentwicklung, und das Risiko für psychische Störungen kann sich um das 1,3- bis 7-Fache erhöhen. Neben den physiologischen Herausforderungen erleben viele Eltern emotionalen Stress und Krisen, die sich oft in Form von Depressionen oder posttraumatischen Symptomen äußern. Bis zu 50 % der Mütter berichten nach einer Frühgeburt von solchen Symptomen, was sich negativ auf die Eltern-Kind-Interaktion auswirken kann.

Die Auswirkungen der Geburt vor der Zeit sind also nicht nur körperlicher Natur. Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht zeigen vermehrt Symptome, die mit emotionalen Störungen in Verbindung stehen, und auch soziale Interaktionen können beeinträchtigt sein. Forscher am Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) setzen sich deshalb intensiv mit Vorteilen effektiver Therapie- und Präventionsmaßnahmen auseinander, um frühzeitig Probleme zu erkennen und die gesunde Entwicklung dieser Kinder zu unterstützen.

Forschung und Präventionsstrategien

Ein innovativer Ansatz der DZPG ist die Entwicklung einer App, die Eltern dabei unterstützen soll, psychische und körperliche Auffälligkeiten bei ihren Frühgeborenen frühzeitig zu erkennen. Diese App bietet Screening-Tools, psychoedukative Materialien und Kommunikationsmöglichkeiten mit Fachärzten an. Ein Fokus liegt darauf, frühe Erkennung und Behandlung von seelischen Belastungen zu fördern, die sich schließlich auf die Entwicklung des Kindes positiv auswirken können.

Auf technologischer Ebene werden digitale Lösungen genutzt, um Alltagsverhalten, emotionale Reaktionen und soziale Interaktionen zu analysieren. Ziel ist es, individuelle Profile zu erstellen, die dabei helfen, therapeutische Interventionen effektiver zu gestalten. Die Forschung in Oldenburg ist dabei vielversprechend, da die Ergebnisse direkt in die klinische Praxis übersetzt werden, um Kindern mit schwierigen Startbedingungen die bestmöglichen Chancen für ein selbstbestimmtes Leben zu bieten. Ein verbessertes MRT-Gerät, das speziell für Frühgeborene konzipiert ist, ermöglicht zudem schnellere Diagnosen und bringt wertvolle Daten zur Risikokohorte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die interdisziplinären Anstrengungen rund um die Thematik Frühgeburt sowohl die medizinische als auch die psychologische Dimension umfassen. Bei allem Engagement ist das Ziel klar: den kleinen Kämpfern und ihren Familien die Unterstützung zu geben, die sie benötigen, um gestärkt die Herausforderungen des Lebens anzugehen.