Am 3. Februar 2026 diskutierte Professor Dr. Theres Matthieß im Rahmen eines Seminars über die Frage: „Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall: Wie gespalten ist Deutschland?“ Besonders im Fokus stand das Experteninterview mit Prof. Dr. Steffen Mau, einem führenden Soziologen, der die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seit der Wiedervereinigung analysiert. Mau, der seit Oktober 2025 Direktor des Max-Planck-Instituts in Göttingen ist, greift in seinem Buch „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ (2024) zentrale Themen auf, die auch im Interview behandelt wurden, das von den Studierenden unter der Leitung von Herrn Overmann und Frau Schliewe durchgeführt wurde.

Maus Analyse beleuchtet die gesellschaftliche Realität in Ost- und Westdeutschland und zeigt, wie stark historische Prägungen die politischen Einstellungen beeinflussen. Die Bürgerrechtsbewegungen und die Entstehung freier Medien in der DDR vor 1989 sind Beispiele für eine aufkeimende Öffentlichkeit, die jedoch durch die schnelle Wiedervereinigung und die Übertragung westdeutscher Institutionen ausgebremst wurden. Diese Umstände hätten eigenständige Reformprozesse gehindert, sodass die politische Kultur im Osten oft weniger stark in einer repräsentativen Demokratie verankert ist.

Unterschiedliche Lebensrealitäten und Einstellungen

Ein Blick auf die Einstellungen der Ostdeutschen zeigt, dass die meisten sich als Gewinner der Wiedervereinigung empfinden. Dennoch bleibt eine skeptische Haltung gegenüber der Politik im Vergleich zu ihren westdeutschen Mitbürgern. Laut der Bundeszentrale für politische Bildung ist die Demokratiezufriedenheit in Ostdeutschland durchgehend niedriger. Dies spiegelt sich auch in Umfragen wider, die eine stärkere Distanz zu den Grundsätzen der parlamentarischen Demokratie und ein ausgeprägtes Interesse an direktdemokratischen Formaten belegen.

Für die jüngeren Generationen in Ostdeutschland ist eine feste Parteibindung oft nicht existent, was sich möglicherweise auf die wirtschaftlichen Unsicherheiten zurückführen lässt, die das politische Selbstverständnis prägen. Prof. Dr. Mau spricht von einer „dünnen Identität“ der Ostdeutschen, in der unterschiedliche Interessen und Wahrnehmungen verschmelzen. Insbesondere die AfD hat begonnen, diese Lücke in der politischen Landschaft zu besetzen und könnte möglicherweise in Zukunft bis zu 50 Prozent der Wählerstimmen erreichen.

Wirtschaftliche Unterschiede und soziale Herausforderungen

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Ostdeutschland sind nach wie vor durch einen Rückstand im Vergleich zum Westen geprägt. Laut ZDF verdienten Vollzeitbeschäftigte in Ostdeutschland 2024 im Durchschnitt 837 Euro weniger als im Westen. Diese Diskrepanz ist sowohl in den Einkommen als auch im durchschnittlichen Haushaltsvermögen zu erkennen. So vererben und verschenken Westdeutsche weitaus mehr als ihre ostdeutschen Mitbürger, ein Umstand, der den wirtschaftlichen Rückstand noch unterstreicht.

Während die Beschäftigungschancen in Ostdeutschland unter dem Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft und dem Verlust traditioneller Industriejobs stark litten, reflektiert auch die soziokulturelle Landschaft eine Herausforderung. Besonders für ältere Arbeitnehmer hat der Wandel oft zu einer „verlorenen Generation“ geführt. Raj Kollmorgen, ein Leipziger und Professor für Management sozialen Wandels, beschreibt die Zeit der Wiedervereinigung als sowohl erfreulich als auch geprägt von Unsicherheiten.

Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es auch positive Aspekte, etwa die stärkere Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt, die aus der DDR-Zeit herrührt. Der Gender Pay Gap ist in Ostdeutschland mit 5% geringer, was auf die früheren staatlichen Förderungen hinweist. Dennoch bleibt eine Sorge um die Zukunft der ostdeutschen Regionen, die Kollmorgen als drohende „Spirale des Abstiegs“ beschreibt. Der demografische Wandel durch abwandernde junge Menschen verstärkt dieses Bild.

Abschließend lässt sich sagen, dass der Dialog über die unterschiedlichen Erfahrungen in der ostdeutschen Identität und die Wahrnehmungen zur Wiedervereinigung weiterhin eine spannende, wenn auch herausfordernde Diskussion darstellen. Prof. Dr. Mau plädiert für eine Sichtbarmachung der vielfältigen ostdeutschen Erfahrungen und die Etablierung von Bürgerräten als Übungsräume für demokratische Entscheidungsprozesse, was möglicherweise zur Stärkung des politischen Diskurses beitragen könnte.