In einer spannenden Studie legen Forschende der Universität Köln, Oxford, Lüttich und der Cape Breton University nahe, dass Neandertaler möglicherweise Birkenpech zur Behandlung von Wunden genutzt haben. Diese zähflüssige Masse, die aus Birkenrinde gewonnen wird, fand man in vielen archäologischen Fundstellen der Neandertaler in Europa. Bisher nahm man an, dass diese Substanz hauptsächlich als Klebemittel diente. Die neue Forschung eröffnet nun die Möglichkeit, dass unsere Vorfahren auch medizinisches Wissen besaßen.
Die Ergebnisse wurden im Fachjournal PLOS One veröffentlicht und stammen aus Experimenten, bei denen Birkenpech nach Methoden hergestellt wurde, die den Techniken der Neandertaler nachempfunden sind. Das Team stellte klar, dass sie während der Herstellung antimikrobielle Eigenschaften nachweisen konnten. Alle getesteten Proben hemmen das Wachstum von Staphylococcus aureus, einem Bakterium, das häufig Wundinfektionen verursacht. Dies könnte darauf hinweisen, dass schon Neandertaler in der Lage waren, sich mit den Gefahren von Infektionen auseinanderzusetzen, was ihre geistigen Fähigkeiten unterstreicht.[Uni Köln]
Die Kunst der Herstellung
Birkenpech zählt zu den ältesten künstlich hergestellten Materialien früher Menschen und kann durch verschiedene Methoden produziert werden. Eine umfassende Studie von Forschenden der Universität Tübingen zeigt, dass zur Herstellung nicht hochkomplizierte Prozesse nötig sind. Die Temperatur kann zwischen 200 und 500 Grad Celsius liegen, und es ist nicht zwingend erforderlich, die Rinde ohne Luftzufuhr zu erhitzen. Stattdessen kann das Pech in der Nähe von stehenden Kieselsteinen gesammelt werden, indem man sie einige Stunden der Flamme aussetzt. Solche vereinfachten Methoden könnten möglicherweise auch von Neandertalern entdeckt worden sein und zeugen von ihrem Erfindungsreichtum.[Süddeutsche]
Der Herstellungsprozess von Birkenpech gilt schon lange als Beweis für die Intelligenz der Neandertaler. Historische Funde, wie die aus Königsaue in Sachsen-Anhalt, datieren bis zu 80.000 Jahre zurück und belegen, dass die Neandertaler über die technischen Fähigkeiten verfügten, um komplexe Produktionsprozesse zu entwickeln. Diese Funde, die Abdrücke von Werkzeugen und menschlichen Fingern zeigen, bieten zwar auch Möglichkeiten zur Herstellung des Pechs durch einfachere Methoden, jedoch ist der genaue Herstellungsprozess nach wie vor umstritten und wirft Fragen über die kulturellen Praktiken der Neandertaler auf.[Evolution Mensch]
Relevanz für die heutige Forschung
Die heutigen Erkenntnisse über Birkenpech sind nicht nur für das Verständnis der Neandertaler von Bedeutung, sondern auch für die moderne Medizin. Angesichts der wachsenden Resistenz von Bakterien gegenüber herkömmlichen Antibiotika könnte das Wissen um die antimikrobiellen Eigenschaften von Birkenpech neue Ansätze in der Wundheilung liefern. Diese spannende Entdeckung wertet das Bild der Neandertaler als geschickte Problemlöser und innovative Denker weiter auf.
Die Forschung wirft also ein neues Licht auf die Frage, wie intelligent und erfinderisch unsere Vorfahren wirklich waren. Ob sie tatsächlich selbstständig medizinische Kenntnisse entwickelten oder von einer Kulturebene zur nächsten weitergaben, bleibt ein faszinierendes Rätsel. Es zeigt sich jedenfalls, dass Neandertaler ganz klar nicht nur primitive Menschen waren, sondern über erstaunliche Fähigkeiten verfügten.



