Die polnische Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) hat während der Flüchtlingskrise ein weitreichendes Narrativ etabliert, das Europa als Bollwerk des Christentums gegen den Islam propagiert. Diese Erzählung ist nicht neu, sondern greift auf den sogenannten Antemurale-Mythos zurück, der im 15. Jahrhundert entstand.News Rub berichtet. Die Historikerin Prof. Dr. Heidi Hein-Kircher analysiert, wie solche Mythen Teil nationaler Identitäten werden und das historische Bewusstsein einer Gesellschaft prägen.

Im Kern bedeutet der Begriff „Antemurale“ so viel wie „Bollwerk“ und bezieht sich auf den römisch-katholisch geprägten Kulturraum in Europa. Der Mythos entstand, als Polen gegen das Osmanische Reich kämpfte und sich als Verteidiger des katholischen Christentums positionierte. Diese historische Erzählung wurde im Laufe der Zeit immer wiederbelebt, besonders in Zeiten nationaler Krisen, wie etwa nach den Teilungen Polens im 18. und 19. Jahrhundert.

Geschichtswissenschaft im Dienste der Politik

Der polnische Messianismus hat seine Wurzeln in diesem Narrativ und wird bis heute von nationalkonservativen Kräften propagiert. Die PiS-Regierung hat sich in den letzten Jahren als Bewahrerin christlicher Werte inszeniert, indem sie enge Beziehungen zur katholischen Kirche pflegt. Ähnliche Narrative sind auch in anderen Ländern, wie Ungarn und den USA, zu beobachten, wo sie zur Legitimierung von Politik, beispielsweise dem Bau von Grenzanlagen, genutzt werden.

Historische Ereignisse werden häufig verwendet, um politische Gebietsansprüche zu untermauern. Dies zeigt sich besonders in der heutigen russischen Rhetorik zum Ukraine-Konflikt, wo die ukrainische Nation delegitimiert wird. Die russische Regierung greift auf historische Narrative zurück, um von internen Krisen abzulenken und die eigene Macht zu stabilisieren.

Die Herausforderung der Dekonstruktion von Mythen

Die Aneignung und der Einsatz solcher mächtigen Mythen sind nicht nur ein Merkmal der polnischen Geschichte, sondern auch ein globales Phänomen. Prof. Hein-Kircher betont, dass die Dekonstruktion solcher Erzählungen schwierig ist, da sie tief im Bildungssystem verankert sind. Ihre Forschungsaktivitäten zielen darauf ab, Studierenden ein Bewusstsein für die Mechanismen hinter historischen Narrativen zu vermitteln.

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Der Einfluss von Mythos und Geschichte auf die aktuelle politische Landschaft ist erheblich. Es bleibt abzuwarten, inwiefern es gelingen wird, diese Erzählungen kritisch zu hinterfragen und möglicherweise zu ändern, um ein differenzierteres Bild der Nation und ihrer Geschichte zu fördern. Die modernisierte Sichtweise auf den Antemurale-Mythos könnte dabei ein erster Schritt sein, um die politisierten religiösen Narrative zu entwirren und in der Geschichtswissenschaft neu zu positionieren.