Am 16. April 2026 hat Dan Diner die Rosenzweig-Gastprofessur an der Universität Kassel übernommen. Diner, ein renommierter Historiker und politischer Schriftsteller, wird in den kommenden Semestern Seminare zu Themen anbieten, die von „Schütterzonen: Imperien in Nationalstaaten – Vom östlichen Europa nach Westasien“ bis hin zu „Zwei Prozesse (1921/1927): Zur Frühgeschichte der UN-Genozid-Konvention 1948“ reichen. Prof. Dr. Martina Sitt, die Vorsitzende der Findungskommission, lobte die intellektuelle Weite und die dialogische Haltung des neuen Gastprofessors.
Die Rosenzweig-Gastprofessur erinnert an den jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig, der von 1886 bis 1929 lebte. Diese Professur wird seit 1987 im Sommersemester verliehen und zielt darauf ab, an die durch den Nationalsozialismus zerstörte Kultur des europäischen Judentums zu erinnern und die Auseinandersetzung mit der jüdischen Gegenwart zu fördern. Diner bringt eine biografische Verbindung zu Hessen mit, nachdem er sein Abitur in Schlüchtern absolviert hat und an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Rechts- und Sozialwissenschaften studierte, wo er sowohl promovierte als auch habilitierte.
Ein beeindruckender Werdegang
Dan Diner wurde am 20. Mai 1946 in München geboren und ist der Sohn von polnisch-litauischen displaced persons. Seine Familie wanderte 1949 nach Israel aus, bevor sie 1954 nach Deutschland zurückkehrte. Nach einer Lehre als Feinmechaniker besuchte er das Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Schlüchtern. Nach seiner akademischen Ausbildung leitete Diner unter anderem das Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur von 1999 bis 2014 und war Professor an zahlreichen Universitäten, darunter Leipzig, Essen und Tel Aviv.
Diners Arbeit ist bekannt für die verknüpfende Perspektive, die europäische Geschichte mit der Geschichte des Nahen und Mittleren Ostens sowie der jüdischen Geschichte in Beziehung setzt. Er hat den Begriff „Zivilisationsbruch“ geprägt, der einen bedeutenden Platz in der deutschen Erinnerungskultur einnimmt. Zusätzlich zu seiner Professur an der Hebräischen Universität Jerusalem ist Diner Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und hat diverse Auszeichnungen, wie den Ernst-Bloch-Preis und den Leipziger Wissenschaftspreis, erhalten.
Beiträge zur Gedächtnisgeschichte
Darüber hinaus ist Diner Herausgeber der siebenbändigen „Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur“, die eine wichtige Rolle bei der Verbreitung jüdischer Geschichte im akademischen Diskurs spielt. Seine Forschung umfasst insbesondere die jüdische Geschichte der Moderne sowie die globale Gedächtnisgeschichte des Zweiten Weltkrieges und die damit verbundenen methodologischen Fragestellungen. Diner ist auch bekannt für seine kritische Haltung zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus und leistete einen bedeutenden Beitrag zur Diskussion über das Verhältnis von Geschichte und Gedächtnis.
Mit der Ernennung Dan Diners zur Rosenzweig-Gastprofessur wird nicht nur eine Tradition fortgeführt, sondern auch ein weiterer Schritt in der Auseinandersetzung mit der komplexen Geschichte des Judentums in Europa gemacht. Wer mehr über das Leben und Werk von Dan Diner erfahren möchte, kann dies auf verschiedenen Plattformen, wie etwa Yad Vashem, nachlesen.