Die Forschungsgruppe „Postcolonial and Postsocialist Interdependencies Across Borders“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld widmet sich bis Juli 2026 der eingehenden Untersuchung der langfristigen Wechselbeziehungen zwischen postsocialistischen und postkolonialen Verhältnissen. Die Leitung liegt in den Händen von Anna Amelina (Chemnitz), Karolina Barglowski (Luxemburg), Helma Lutz (Frankfurt a.M.) und Andreas Vasilache (Bielefeld).
Im Zentrum der Forschung steht die Frage: „Kann Postsozialismus kolonial sein?“ Dieses Thema wird interdisziplinär bearbeitet und umfasst wichtige Bereiche wie Staatsbürgerschaft, Gewalt, Migration, kollektive Erinnerungen und Geschlechterverhältnisse. Die Definition von „Postsozialismus“ bezieht sich auf die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen nach dem Zusammenbruch sozialistischer Regime, insbesondere in Mittel- und Osteuropa, der ehemaligen Sowjetunion, Zentralasien und Afrika. Ein gemeinsames Merkmal dieser Gesellschaften ist der Niedergang der Kommandowirtschaft und das Ende autoritärer Einparteienherrschaft.
Forschungshintergrund und gesellschaftliche Aspekte
Die gesellschaftlichen Auswirkungen der sozialistischen „Zivilisierungsmission“ werden in der Forschung ebenfalls beleuchtet, insbesondere hinsichtlich der Hierarchien entlang der Dimensionen von race, Geschlecht und Zugehörigkeit. Die Forschungsgruppe verfolgt das Ziel, die grenzüberschreitenden Interaktionen und Verflechtungen in den ehemals sozialistischen Ländern und Regionen zu erforschen.
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts markierte das Ende der kolonialen Epoche, die allgemein in die 1960er Jahre datiert wird, als viele kolonialisierte Nationen ihre Unabhängigkeit erlangten. Das Interesse an Kolonialismus ist seitdem gestiegen, da dieser in Zusammenhang mit der Entwicklung des Kapitalismus und der Globalisierung betrachtet wird. Koloniale Beziehungen sind jedoch nicht vollständig verschwunden und beeinflussen die gegenwärtige Weltordnung.
Kolonialismus und Postkolonialismus
Kolonialismus wird traditionell als ein Herrschaftsverhältnis nicht nur über Territorien, sondern auch hinsichtlich des Einflusses auf Entwicklungsstände unterschiedlichster Gesellschaften verstanden. Diese komplexen Beziehungen führten zu unterschiedlichen Herrschaftsformen, die von den jeweiligen kolonialen Imperien wie den Portugiesen, Briten oder Japanern geprägt waren. Die Hochphase des Kolonialismus, zwischen 1880 und 1960, hinterließ strukturelle Auswirkungen, die bis heute nachwirken.
Postkoloniale Studien, die in den 1980er Jahren entstanden, kritisieren die Annahme, dass die koloniale Geschichte mit der Unabhängigkeit endete. Diese Forschungsrichtung untersucht die Komplexität kolonialer Erfahrungen und die Bedeutung von Diskursen, Identitäten und Erinnerungen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den Wechselwirkungen zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden und der Analyse der Rückwirkungen des Kolonialismus auf die Gesellschaften, die kolonialisierten.
Kritiker dieser Studien bemängeln, dass oft die materiellen Dimensionen des Kolonialismus nicht genügend Berücksichtigung finden. Dennoch bleibt die Diskussion über Kolonialgeschichte und deren Relevanz für das Verständnis der aktuellen globalen Strukturen und der globalen Geschichtsschreibung von zentraler Bedeutung.
Die Ergebnisse dieser interdisziplinären Forschungsarbeit werden im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen, wie einem Stakeholder-Workshop im Juli mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es ist zu erwarten, dass die Erkenntnisse nicht nur zur wissenschaftlichen Debatte beitragen, sondern auch weitreichende gesellschaftliche Relevanz besitzen.
In diesem Kontext wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit den Themen des Postsozialismus und des Kolonialismus eine wesentliche Herausforderung und gleichzeitig eine Chance für das Verständnis heutiger globaler Dynamiken darstellt.