Heute, am 20. April 2026, wird die Veröffentlichung eines bedeutenden Buches zum Thema Förderschulen vorgestellt. Unter dem Titel „Evaluation der Förderschulen mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung im Land Brandenburg (2022–2024)“ dokumentiert die Untersuchung die Ergebnisse eines umfassenden Forschungsprojekts des Zentrums für empirische Inklusionsforschung (ZEIF) der Universität Potsdam. Die Veröffentlichung, die 2025 im Universitätsverlag Potsdam erscheinen wird, wurde in Kooperation mit dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS) erstellt und weist auf drängende Herausforderungen im Bereich der schulischen Inklusion hin.
Die Methodik des Projekts basiert auf einem Mixed-Methods-Design, das quantitative Befragungen und qualitative Interviews miteinander verbindet. Die Hauptthemen der Evaluation umfassen die Heterogenität der Schüler:innen, die Organisation von Unterricht und Ganztagsangeboten sowie die Professionalisierung des pädagogischen Personals. Ziel ist es, datenbasierte Erkenntnisse zu gewinnen, welche die Weiterentwicklung der schulischen Strukturen sowie die Optimierung der Unterrichts- und Unterstützungsangebote fördern sollen.
Perspektiven der Inklusion in Deutschland
In Deutschland ist inklusive Bildung nicht nur ein bildungspolitisches, sondern auch ein menschenrechtlicher Anspruch. Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) im Jahr 2009 verpflichtete sich das Land dazu, ein inklusives Bildungssystem zu etablieren. Artikel 24 der Konvention fordert, allen Kindern, unabhängig von Behinderungen, eine wohnortnahe Beschulung zu ermöglichen. Trotz dieser Vorgaben besuchen laut aktuellen Daten im Schuljahr 2023/24 immer noch 55,9% der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf Förderschulen. Diese Exklusionsquote ist über die Jahre hinweg stagniert und zeigt, dass eine ernsthafte Veränderung des Bildungssystems noch aussteht. Insbesondere in einigen Bundesländern ist ein Anstieg der Inanspruchnahme von Förderschulen zu verzeichnen, was im Widerspruch zu den Zielen der UN-BRK steht.
Die Monitoringstelle zur UN-BRK übt scharfe Kritik an der Aufrechterhaltung separierender Strukturen, die das inklusive Prinzip untergraben. Es gibt einen anhaltenden Trend zur Segregation im Bildungssystem, obwohl die inklusive Beschulung ansteigt. Über 15 Jahre nach Inkrafttreten der UN-BRK besuchen weiterhin viele Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf Förderschulen, was Fragen nach der gleichwertigen Teilhabe im Bildungssystem aufwirft. Aktuell sind über 7,6% der Schüler*innen von sonderpädagogischem Förderbedarf betroffen, was eine erhebliche Herausforderung für das Bildungssystem darstellt.
Forderungen an das Bildungssystem
Der Diskurs um Inklusion wird häufig als technische Herausforderung betrachtet, wobei die gesellschaftlichen Dimensionen vernachlässigt werden. Eltern haben zwar ein Wahlrecht zwischen inklusiver und Förderbeschulung, jedoch mangelt es an sinnvollen inklusiven Optionen. Darüber hinaus verlassen 71% der Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf Förderschulen ohne Hauptschulabschluss, was ernsthafte Fragen zur Bildungsqualität und zu den Zukunftsperspektiven dieser Schüler*innen aufwirft.
Des Weiteren wird die Aufrechterhaltung separierender Strukturen als teuer und ineffizient angesehen. Viele Expert*innen fordern eine umfassende Umstellung auf ein inklusives Bildungssystem, welches ökonomisch sowie pädagogisch sinnvoll sein könnte. Die Trennung von Diagnostik und Pädagogik wird als notwendig erachtet, um die Rolle der Sonderpädagog*innen effektiv zu stärken und um die Herausforderungen der Inklusion zu bewältigen.
Insgesamt zeigt die Evaluation der Förderschulen und die aktuelle Bildungssituation in Deutschland, dass der Weg zur vollständigen Inklusion noch lang und steinig ist. Die Sichtweise auf Inklusion muss sich grundlegend ändern, um die Chancengleichheit für alle Kinder zu gewährleisten und um den Anforderungen der UN-BRK gerecht zu werden. Zielgruppen sind nicht nur Fachkräfte, sondern alle, die sich für die schulische und außerschulische Bildung von Schüler:innen mit spezifischen Bedürfnissen interessieren.
Das Team der Evaluation, bestehend aus Katrin Böhme, Antje Ehlert, Oliver Wendt, Nadine Poltz und Anna Seifart, war bei den Ergebnissen durch die kritische Reflexion aller Themenkomplexe zufrieden. Die Wirkung des Buches wird als bedeutend für die Bildungspolitik und schulische Praxis eingeschätzt. Die umfassenden Erkenntnisse werden in Zukunft dazu beitragen, die notwendigen Reformen im deutschen Bildungssystem voranzutreiben. Das Buch wird als Open Access Veröffentlichung online über den Universitätsverlag Potsdam sowie über DOI-Link zur Verfügung stehen.