Die Schnittstellen zwischen Postsozialismus und Kolonialismus sind derzeit ein heiß diskutiertes Forschungsthema, das die transnationalen Verflechtungen dieser beiden historischen Konzepte beleuchtet. Wie nahe liegen sich diese Bereiche, und was sagen sie über die Gegenwart aus? In einem innovativen Forschungsprojekt untersuchen Wissenschaftler:innen der Forschungsgruppe „Postcolonial and Postsocialist Interdependencies Across Borders“ am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld die langfristigen Wechselbeziehungen zwischen diesen beiden Phänomenen. Die Forschungsarbeit läuft von April bis Juli 2026 und wird von Anna Amelina (Chemnitz), Karolina Barglowski (Luxemburg), Helma Lutz (Frankfurt a.M.) und Andreas Vasilache (Bielefeld) geleitet.
Im Zentrum der Arbeit steht die Fragestellung: „Kann Postsozialismus kolonial sein?“ Diese Frage geht über die bloße Betrachtung von sozialistischen und kolonialen Strukturen hinaus, denn sie fordert eine differenzierte Analyse der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen nach dem Zusammenbruch sozialistischer Regime. Dabei ist der Fokus auf die ehemaligen sozialistischen Länder und Regionen in Mittel- und Osteuropa, der ehemaligen Sowjetunion, Zentralasien und auch Afrika gerichtet. Auf diesen Gebieten haben sich komplexe Verhältnisse und Interaktionen entwickelt, die das Verständnis beider Konzepte entscheidend erweitern können.
Die Merkmale von Postsozialismus
Zur Definition von „Postsozialismus“ gehört der Zusammenbruch der Kommandowirtschaft sowie das Ende autoritärer Einparteienherrschaft und die Abkehr von marxistisch-leninistischer Ideologie. Diese gesellschaftlichen Transformationen zeigen sich nicht nur in ökonomischen Aspekten, sondern auch im sozialen Gefüge. Mit dieser Forschungsarbeit wird auch die Frage untersucht, welche Rolle die sozialistische „Zivilisierungsmission“ in Bezug auf Hierarchien entlang von Race, Geschlecht und Zugehörigkeit spielte.
Historische Zusammenhänge: Kolonialismus und Postkolonialismus
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung wächst das Interesse an Kolonialismus und seinen Auswirkungen seit den 1960er Jahren, als viele kolonialisierte Nationen unabhängig wurden. Diese Epoche wird als eng mit der Geschichte des Kapitalismus und der Globalisierung verknüpft angesehen. Kolonialismus stellt ein komplexes Herrschaftsverhältnis dar, in dem Entscheidungen über das Leben der Kolonisierten von kulturell anderen Minderheiten getroffen wurden. Diese Vergangenheit ist nicht einfach abgeschlossen; die kolonialen Beziehungen wirken in vielen Bereichen bis heute nach und beeinflussen aktuelle gesellschaftliche Strukturen.
Ein Beispiel für diese Kontinuität ist der Neokolonialismus, der als anhaltendes Abhängigkeitsverhältnis nach politischer Dekolonisation beschrieben wird. Diese Thematik wird auch in den Postcolonial Studies der 1980er Jahre behandelt, die den Ansatz aufgreifen, dass die Geschichte des Kolonialismus nicht mit der Unabhängigkeit endet. Ein zentraler Kritikpunkt an diesen Studien ist, dass sie oft kulturelle Dimensionen des Kolonialismus in den Vordergrund rücken, während materielle Bedingungen vernachlässigt werden.
Interdisziplinäre Ansätze und öffentliche Vermittlung
Um den unterschiedlichen Facetten dieser komplexen Themen gerecht zu werden, verfolgt die Forschungsgruppe einen interdisziplinären Ansatz, der Disziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichte und Gender Studies miteinander verbindet. Ein geplanter öffentlicher Stakeholder-Workshop im Juli 2026 wird die Gelegenheit bieten, Forschungsergebnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dieser Austausch könnte helfen, ein besseres Verständnis der Wechselbeziehungen zwischen Postsozialismus und Kolonialismus zu entwickeln und die damit verbundenen gesellschaftlichen Fragestellungen zu beleuchten.
Wie die Studien zeigen, bleibt das Aufeinandertreffen von Postsozialismus und Kolonialismus ein dynamisches Feld, dessen Erforschung neue Perspektiven auf die gegenwärtigen Herausforderungen und die immer noch bestehenden Ungleichheiten in unserer Welt eröffnen kann. Gibt es vielleicht noch Lösungen aus der Verbindung dieser beiden komplexen Erzählungen, die in unserer heutigen Gesellschaft von Bedeutung sein könnten?